Der VDH hat den Baron-von-Gingins-Preis 2009 unter anderen den Azawakhzüchtern Dr.Ulrich und Anne Hochgesand zuerkannt. In der Laudatio durch den bisherigen Verbandspräsidenten Christof Habig (nunmehr Vorstandsmitglied der FCI) heißt es:
„ Dr. Ulrich und Anne Hochgesand zählen zu den ersten großen Pionieren und den wenigen wirklichen Autoritäten der Rasse Azawakh. Dabei steht ihr Name nicht für irgendeinen Azawakh, sondern den echten Azawakh alten Typs. Er ist ihre Herzensangelegenheit bis heute geblieben. Mitte der 70er-Jahre wurde die Zuchtstätte >Aulad-al-Sahra’s< begründet mit Hunden, die unmittelbar den einzigartigen Typ des Ursprungslandes repräsentierten. Bis jetzt haben sie etwa 32 Würfe gezüchtet, aber ihre entscheidende Leistung ist, dass der Azawakh 1981 auch von der FCI als eigene Rasse anerkannt und separiert wurde vom Sloughi. Damit wurde der >Azawakh aus Mali< mit seiner eigenen Kultur gesichert und hat bis heute als alleinige Richtschnur für die Zucht zu gelten. Das ist die Lebensleistung von Herrn und Frau Hochgesand für diese Rasse – und die Basis für hoffentlich noch viele weitere Jahre erfolgreiche Arbeit für den Azawakh.<
Die Verdienste des Ehepaars bei der Popularisierung der Rasse in Deutschland und ihrer Anerkennung durch die FCI auf der Grundlage eines in Frankreich formulierten „Standards“ sind m. E. nicht zu bezweifeln. Der durch zahlreiche Beiträge zum Windhundwesen renommierte Autor Peter H. Sander fragt darüber hinaus nach der kynologischen Leistung der Geehrten und kritisiert die Parteinahme aus den Reihen des VDH-Präsidiums zugunsten ihres Anspruchs auf die züchterische Alleinvertretung der Rasse.
Wir dokumentieren seine Wortmeldung.
W.R.
Prof. Dr. Peter Friedrich Wilfriede Schwerm-Hahne Gudrun Büxe und
als Präsident des VDH als Präsidentin des DWZRV als Az-ZKM andere
Gingins-Medaille an das Azawakh- Züchterehepaar Dr. Ulrich und Anne Hochgesand
Januar 2010
Sehr geehrter Herr Präsident,
mit Verwunderung lese ich in der UW 2010, daß den Azawakhzüchtern Dr. Ulrich und Anne Hochgesand der Gingins-Preis verliehen wurde. Eine Auszeichnung, mit der „traditionell Kynologen geehrt (werden), die sich in besonderem Maße der Erhaltung und Förderung ihrer Rassen verdient gemacht haben“.
Daß der VDH und DWZRV die produktivsten Züchter seiner Vereine ehrt, versteht sich von selbst. Ohne sie kein Hundewesen. Daß sie dabei oft als Kynologen gepriesen werden, ist dagegen nicht immer nachzuvollziehen.
Kynologie ist bekanntlich die Lehre vom Hund, nicht irgendeine, sondern eine akademische, die Wissenschaft vom Hund. Sie ist naturwissenschaftlich aus-gerichtet und wird vor allem von der Biologie betrieben. Methodisches Rüstzeug ist die Empirie!
Auf dieser Grundlage erschließen sich mir keine kynologische Dimensionen bei den Meriten der Preisträger. Aber es stellen sich eine Menge Fragen.
Nehmen wir als konkretes Beispiel nur den letzten Artikel im Azawakh-Themenheft des DWZRV vom November 2008: Ein „Plädoyer für den Azawakh-Standard“.
- Was ist kynologisch daran, nur solche Spezies als Ursprungshunde zu deklarieren, die ein Künstler und Diplomat in den 70-er Jahren nach unbekannten, vermutlich subjektiven Kriterien in einem Teilbereich des Habitats ausgesucht und zur Zucht eingesetzt haben? Und nicht alle, die aus dem Ursprungsgebiet kommen und dem Standard entsprechen! Die damals schon verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse von Roussel und Strassner/Eilles bleiben unbeachtet.
- Was ist kynologisch daran, daß die so winzige wie willkürliche Ausgangs-population von ca. einem Dutzend Azawakhs „mit ihren Nachkommen in Ausdruck und Erscheinung den Begriff des hochtypischen und eleganten Azawakhs mitgeprägt haben“? Und nicht eine repräsentative Basis!
- Was ist kynologisch daran, als Habitat auf die relativ kleine Region des Azawakhtals und seinen Randgebieten zu bestehen und z.B. den Norden Burkina Fasos explizit auszugrenzen. Und nicht, wie im Standard definiert, das riesige Mittlere Nigerbecken mit Burkina Faso (und entsprechenden Implikationen) anzuerkennen!
- Was ist kynologisch daran, den extremen Inzuchtkoeffizienten der Linienzuch-ten zu leugnen? Und nicht die hochsignifikanten Fakten einer überaus kritischen Gendepression zu realisieren!.
- Was ist kynologisch daran, weitere Importe u.a. aus Burkina Faso im Allgemeinen als ungenügend zu diffamieren (Darkoy(e) Sidi als einen der ersten aber zu unterschlagen, der als Rüde den Aulad-Zwinger begründete) Und nicht zu differenzieren, bzw. um der zwingend nötigen Erweiterung des Genpools willen zu tolerieren!
- Was ist kynologisch daran, den Importeuren Machenschaften zu unterstellen? Und nicht als wichtige Genliferanten mit ihnen zusammenzuarbeiten!
- Was ist kynologisch daran, die Weißzeichnung eng zu definieren und als „wesentliches, allgemeines Erscheinungsmerkmal“ zu übertreiben mit dem naiven Erkennungswert: „Azawakhs, das sind die Hunde mit den Stiefelchen“? Und sie nicht in der ganzen Irrelevanz zu erkennen!
- Was ist kynologisch daran, einen „hochtypischen“ Vertreter seiner Rasse zu stilisieren mit allen Anzeichen und Konsequenzen einer Übertypisierung? Und nicht den Ursprungshund in seiner Typenvielfalt und genetischen Breite, Funktionalität und Vitalität zu erhalten!
Was, bitteschön, ist kynologisch daran?
Ebenso fraglich geht es in der Laudatio von Christof Harbig zu, der unreflektiert ins o.g. Horn bläst: „Mitte der 70-er Jahre wurde die Zuchtstätte „Aulad al Sahra’s“ begründet mit Hunden, die unmittelbar den einzigartigen Typ des Ursprungslandes repräsentieren.“ Was für eine Verkennung angesichts der mikroskopischen und willkürlichen Stichprobe und z.B. des o.g. Stammrüden Darkoy(e) Sidi aus dem geschmähten Burkina Faso, zu sehen in der UW 11/08, S. 14.
Nicht mehr fraglich, sondern schlichtweg absurd ist schließlich diese Lobhudelei: „Dabei steht ihr Name nicht für irgendeinen Azawakh, sondern den echten Azawakh alten Typs.“ Spätestens der „echte Azawakh alten Typs“ macht hemmungslos deutlich, worum es hier wirklich geht. Auf jeden Fall nicht um Kynologie. Denn so wenig wie es „irgendeinen Azwakh“ gibt, gibt es die Luxusausführung des „echten Azawakhs alten Typs“. Gemeint sind wahrscheinlich die o.g. Ursprungshunde, die sich jedoch in nichts unterscheiden von den späteren Importen, wie man leicht feststellen kann, unser o.g. Darkoy(e) Sidi eingeschlossen. Die Unterscheidung ist völlig aus der Luft gegriffen und entbehrt jeder realistischen, geschweige denn wissenschaftlichen Grundlage. Vielmehr gehört sie in den Bereich des Wunschdenkens mit manipulativem Charakter.
Zutreffender scheint mir vielmehr das Gegenteil. Meiner Meinung nach steht der Name Hochgesand für den „echten Azawakh neuen Typs“, wie es ihn bisher noch nicht gegeben hat; am wenigsten im Ursprungsland. Er scheint den Weg z.B. des Afghanischen Windhunds zu gehen.
Das Hundewesen mag seine Auszeichnungen nach Belieben vergeben. Aber als kynologisch sollte es sie nur aufgrund entsprechender anspruchsvoller Voraus-setzungen ehren. Beim Laudator wie bei den Geehrten! Hier kann davon keine Rede sein. Vielmehr zeigt sich einmal mehr: Hundewesen und Kynologie sind keineswegs identisch, sondern stehen sich vielfach konträr gegenüber. So fällt es schwer, die Auszeichnung als kynologisch zu würdigen. Sie verliert bei Fachleuten an Bedeutung und ruft nur Kopfschütteln hervor. Wie auch in diesem Fall. Dementsprechend lautet eine hochtypische Reaktion: Na und?
Überdies ist zu wünschen, daß Auszeichnungen auch mit Bedacht vergeben werden.
Leider ist auch dies nicht geschehen, sondern im Gegenteil der forcierte Graben zwischen Hochzüchterei und Arterhaltung durch Importe einmal mehr durch so unkluge wie unsensible Vereinspolitik erheblich vertieft worden!
Besonders skandalös ist dabei, wie alle anderen Azawakhzüchter, vor allem die kynologisch orientierten, mit der Zucht „irgendeines Azawakhs“ in den Schatten des „echten Azawakhs alten Typs“ der Hochgesand-Doktrin gestellt und diskreditiert werden.
Es zeigt sich überdeutlich: Der Gingins-Preis mag das Hundewesen schmücken, bringt sich in diesem Fall aber um kynologische Ehren und schadet dem Betriebsfrieden.
Ob dies im Sinne des Baron von Gingins ist, muß bezweifelt werden.
Mit freundlichen Grüßen
Peter H. Sander