Leben im Rudel
Über die Partnerschaft von Mensch und Azawakh in der modernen Welt

Elisabeth Naumann



>Der Weg zum Verständnis des Menschen führt genau ebenso über das Verständnis des Tieres, wie ohne Zweifel der Weg zur Entstehung des Menschen über das Tier geführt hat.<
Konrad Lorenz (1974)

Hunde sind ein besonderes Bindeglied zwischen Natur und Kultur. Wenn ein harmonisches Zusammenleben von Hund und Mensch zustande kommt, kann es in vielfältiger Weise bereichern und eine wunderbare Beziehung ermöglichen. Allerdings ist es fast zur Normalität geworden, daß dieses Beziehungsgefüge in vielfältiger Weise mehr oder weniger gestört ist. Das führt auf beiden Seiten zu unerwünschten Reaktionen. Verhaltensstörungen belasten nicht nur den Besitzer und seinen Hund, sondern auch die umgebende Gesellschaft - manchmal bis an die Grenze des Zumutbaren oder gar darüber hinaus.

Was vielen nicht bewußt ist: Mensch und Hund bilden im „Verständnis“ des Tieres ein Rudel nach dem Muster seiner wölfischen Vorfahren, ganz besonders bei ursprungsnahen Rassen wie unseren Azawakhs. Das Rudel ist ein sozialer Verband von mindestens zwei Individuen, die durch Kommunikation miteinander agieren. Voraussetzung für ein harmonisches Sozialleben ist von seiten des Hundes ein klares Informations- und Kommunikationssystem mit visuellen, akustischen, olfaktorischen, gustatorischen und taktilen Übertragungswegen. Es unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten von der zwischenmenschlichen Kommunikation. Die Aufgabe des Azawakhzüchters und -halters ist somit eine doppelte: Erstens die optimale Förderung der arteigenen Umweltkompetenz des Hundes (Sozialisation) und zweitens die Fähigkeit, mit seinen Tieren auf der ihnen zugänglichen Ebene zu kommunizieren, das heißt auch, sie nicht durch Vermenschlichung zu überfordern. Um mit dem Hund erfolgreich leben zu können, ist das Wissen um die Möglichkeiten und Grenzen seiner Kommunikation ebenso Voraussetzung wie die Fähigkeit, die dem Hund eigenen Ausdrucksformen als seine „Sprache“ zu verstehen.



Kommunikationskanäle des Hundes:

Der optische Kommunikationskanal:

Gestik, Mimik und Blickkontakte vermitteln Informationen über den emotionalen Zustand eines Hundes, über dessen Motivationen und Verhaltensbereitschaften, sie haben zudem Appellfunktion und sind dialogisch, vermögen also Beziehungen zu regulieren. Dabei ist zu beachten, daß es nie einzelne Signale sind, die einen Bedeutungsinhalt haben, vielmehr differenziert zusammengesetzte Gesamteindrücke, in denen Signalen je nach deren Kontext höchst unterschiedliche Bedeutungen zukommen können.

Den Normalausdruck eines sozial neutralen und umweltsicheren Azawakhs kann man wie folgt beschreiben: Der Kopf ist erhoben, die Gliedmaßen sind offen gewinkelt, der Schwanz hängt bzw. ist leicht aufgerichtet, die Ohrwurzel nach vorn gerichtet.





Imponiergehabe zeigen selbstsichere Hunde Sozialpartnern gegenüber. Dabei besteht eine deutliche Hemmung: Die eigene Überlegenheit soll demonstriert werden – zunächst aber in Abwehrhaltung. Imponierscharren ist ein Ausdruck selbstbewußter Hunde und wird insbesondere von Rüden nach dem Markieren ausgeführt. Letzteres erfolgt
besonders deutlich und mehrfach hintereinander, wenn Artgenossen in der Nähe sind. Zum
Imponierverhalten gehören Aufreiten oder Aufreitversuche auf andere Hunde und das Auflegen der Pfote auf den Rücken des Gegenübers. Gleiches bedeutet es, wenn zwei sich steifbeinig umkreisende Hunde versuchen, sich parallel oder antiparallel – Kopf an Schwanz – dem anderen gegenüber zu positionieren , was dieser nur ungern oder gar nicht tolerieren wird . Als Imponiervorgang ist schließlich zu deuten, wenn ein Hund versucht, sich seitlich vor den anderen zu stellen. Man bezeichnet diese Stellung als T-Sequenz, weil beide Hunde bei Bestehen dieser Bewegung ein T bilden – der Imponierende formt dessen Querbalken.
Zusammengefaßt: Imponierbewegungen sollen die eigene Stärke, Dominanz und Territorialanspruch demonstrieren.





Imponiergehabe

Oft ist zu beobachten, daß Hunde die einander sehr zugetan sind, sich über das jeweils liegende Tier stellen. Dabei wird manchmal soziale Fellpflege (Grooming) ausgeführt - ein Knabbern mit den Schneidezähnen oder ein Lecken besonders im Kopfbereich. Dies ist Ausdruck der Zusammengehörigkeit, alle Signale des Imponierens fehlen hier, wenngleich dem darüberstehenden eine größere Verhaltensfreiheit als dem liegenden Hund zuzumessen ist. 
Beim Drohverhalten muß zwischen Angriffs- und Abwehrdrohen unterschieden werden. Das Imponierverhalten, diese Demonstration der sozialen Potenz und Ranghöhe, geht mitunter in offensives Drohen über. Nicht selten überlagern sich beide Ausdrucksweisen und sind dann schwer trennbar. Auf offensives Drohen kann denfensives Drohen als Antwort erfolgen, Angriffsdrohen kann auch in Abwehr übergehen, wenn der Rivale sich weiter nähert.
Aus dem Defensivdrohen heraus kann es zu einem Kampf kommen, der defensive Hund kann jedoch auch die Flucht vorziehen oder zu Demutsverhalten wechseln.





Die passive Unterwerfung enthält keinerlei Aggressivität. Nicht Abgrenzung, vielmehr soziale Integration ist das Ziel. Die Annäherung ranghoher Tiere wird mit Abrollen auf dem Rücken begegnet. Diese Form hat den stärksten Signalcharakter für das Akzeptieren der Handlungsfreiheit des überlegenen Tieres. Ist der ranghohe Hund zufriedengestellt, pflegen sich die >submissiven< Hunde zu erheben, sie schütteln sich und gehen ihrer Wege. Es gibt natürlich keine unterwürfigen Hunde, vielmehr Hunde, die anderen gegenüber zeigen, daß sie keinerlei Rangansprüche stellen. So funktioniert das Leben in der sozialen Gruppe.



Aktive Unterwerfung, auch als >soziales Grüßen< bezeichnet, ist eine Ausdrucksweise zur Verminderung sozialer Distanz, ein Verhalten, das die freundliche Intergration in das Rudel sichern soll. Hunde zeigen aktiven Unterwerfung als sehr freudigen, stark spielerisch anmutenden Auftritt, der durch hopsenden Bewegungen, Anspringen, Lecken der Schnauze (bzw. der Hand ) des Begrüßten, also des ranghohen Individuums, sowie durch das Lecken der eigenen Schnauze gekennzeichnet ist. Nachfolgendes Animieren zum Spiel ist die Regel.
Das Umkreisen und Anspringen des Menschen zur Begrüßung, die Versuche, die Hand oder das Gesicht und hier am besten die Mundwinkel des Menschen zu lecken – all diese Ausdrucksstrukturen freundlicher Annäherung, die häufig aufdringlich erscheinen, gehören zum Ausdruck der aktiven Unterwerfung. Bei ausgeprägter Erwiderung durch den Menschen können sie zunehmend fordernd werden. Beim Wegwenden des Menschen nehmen sie ab. Ist die demütige Komponente sehr stark, uriniert der unterwürfige Hund bei der Begrüßung. Exzessive Unterwerfungsrituale gegenüber einem menschlichen Rudelmitglied können und sollten durch Konditionierung abgewöhnt werden.





Der olfaktorischer Kommunikationskanal:

Hunde setzen Kot und Urin sowie Sekrete der Zirkumanaldrüsen als Träger olfaktorischer Signale ab. Urinmarken dienen der territorialen Besitzanzeige wie dem Anzeigen des Ranges. Nach dem Kotabsetzen wird häufig in Imponierhaltung gescharrt. Kot- und Scharrstellen können Mittel der territorialen Besitzanzeige sein. Hunde erkennen am Geruch einer Harnmarkierung, einer Fährte oder am Individualgeruch von Mensch und Tier etliche Details über das Geschlecht, das Alter, den Gesundheitszustand und den hormonellen Zustand ihres Verursachers. Ein Hund erriecht, wer sich wann und wo aufgehalten hat, welche Aktivitäten er dort nachging und in welche Richtung er verschwand. Der Geruchssinn ist für die Langzeitkommunikation unerläßlich. Hunde sind Makrosmaten (Riechtiere), sie verfügen über eine ausgedehnte Riechschleimhaut, die Nasenhöhle und Nasenmuscheln bedeckt, einen relativ großen Gehirnsektor (ein Achtel), der dem Erkennen, Interpretieren und Speichern von Geruchseindrücken dient. Beim Menschen, dessen Riechhirn bedeutend kleiner ist, spielt die olfaktorische Kommunikation eine extrem untergeordnete Rolle. Hunde kontrollieren Kot, Urin, Anogenitalzone und Mundwinkelregion. Sie erkennen Hunde Artgenossen an ihrem Geruchsgesicht, zum anderen kommt der gegenseitige Anogenitalkontrolle auch ein Ausdruckswert im Rahmen des Imponieren zu. Selbstbewußte, ranghohe Hunde erlauben es kaum, kontrolliert zu werden, während sie selbst andere Hunde sehr eindringlich beriechen.
Schließlich kennzeichnen Hunde ihr Revier an bestimmten Stellen mit Duftmarken. Diese Duftmarken können zur Demonstration des eigenen Ranges und der Stärke dienen. An bestimmten Ecksteinen werden durch Rüden regelrechte Duftduelle ausgetragen, wobei jeder versucht, die eigene Duftmarke über der des Vorgängers anzubringen. Da nur bestimmte Marken überdeckt werden (einige Markierungen schüchtern ein, andere bewirken Imponierverhalten), ist anzunehmen, daß Hunde nicht nur Artgenossen individuell erkennen, sondern sich auch an Geruchsgesichter erinnern. Mitunter ist zu beobachten, daß Rüden ihre Artgenossen markieren. Besonders häufig ist dieses Verhalten Welpen gegenüber – wohl als Kennzeichnung ihrer Zugehörigkeit zum Rudel.





Setzt der Hund seine Markierung über entsprechende menschliche Spuren, ist Vorsicht geboten, da dann die Rangordnung nicht stimmt – die Marken ranghöherer Rudelgenossen werden nicht überdeckt! Es versteht sich von selbst, dieses Verhalten sofort zu unterbinden.
Darüber hinaus wird mittels der Hautdrüsen (holokrine Talgdrüsen und apokrine Duftdrüsen) kommuniziert. Diese Drüsenzellen bilden zum Teil komplexe anatomische Strukturen im Bereich des Gesichtes, in bestimmten Schwanzregionen, in der Perineal- und insbesondere der Analregion. Des weiteren kann man bei Hunden Supracaudaldrüsen finden, die als elipsenförmige Ansammlungen von Talgdrüsen und apokrinen Drüsen auf der Dorsalseite des
Schwanzes, in der Nähe der Schwanzwurzel vorhanden sind. Ihre Ausbildung ist bei so genannten Kulturrassen sehr unterschiedlich ausgebildet, sie können ganz fehlen. Häufig ist diese Region abweichend gefärbt oder durch besonders strukturierte Haare gekennzeichnet. Ihre Funktion ist wie die Art und Weise ihres Einsatzes bisher nicht endgültig geklärt; in der Literatur findet man die Annahme, daß diese Drüse bei der Anogenitalkontrolle signalisierende Duftstoffe absondert. 



Verglichen mit der optischen und der akustischen Kommunikation ist die geruchliche Informatinsübermittlung eine recht starre. Ihre Signale können eben nicht in Anpassung an die jeweilige Situation rasch verändert werden. Folglich werden die meisten chemischen Signale dazu benutzt, eine einzige, relativ unveränderliche Botschaft zu überbringen.

Der akustische Kommunikationskanal:

Bellen ist die Lautäußerung der Hunde und wird in allen möglichen sozialen Situationen eingesetzt: Als Begrüßungslaut, zur Spielaufforderung, als Schrecklaut, als Drohlaut, zur Warnung und Verteidigung, bei Kontaktaufnahme, als Unbehagenslaut und als Gruppenvokalisation, vergleichbar mit dem Chorheulen der Wölfe. Darüber hinaus gibt es derzeit noch wenig Kenntnisse im Bereich der akustischen Kommunikation.

Der taktiler Kommunikationskanal:

Die Berührung steht am Anfang des Domestikationsprozesses und der Kommunikation von Hund und Mensch , die zu einem Sozialverhalten auf hohen Niveau geführt hat. Hunde lernen die Regeln für das Miteinander in der Gruppe durch Körperkontakte in frühestem Alter und beherzigen fürderhin diesen Kodex des Miteinanderumgehens.
Berührungen setzten Regeln. Und Hunde berühren einander überwiegend durch das Umfassen mit den Kiefern (also das „Beißen“) , durch Knabbern mit den Schneidezähnen, durch Schnauzenstupsen und –berühren und durch regelrechte Leckzeremonien. Geöffnete Fänge können sehr zärtlich berühren. Zumal unter Bindungspartnern spielt die taktile Kommunikation eine große Rolle. So im Rahmen der sozialen Fellpflege (Grooming), des Kontaktliegens, der Schnauzenzärtlichkeiten und des Paargehens vertrauter Hunde. Sie widmen einen Großteil ihrer Tagesaktivität gegenseitigem Lecken, bei der Begrüßung der aktiven Unterwerfung und im Sozialspiel. Taktile Kommunikation ist auch bei Rangauseinandersetzungen immer dabei: Wegdrängen, Anrempeln, Kopfauflegen als Imponiergeste und vielen anderen Ritualen.
Dem taktilen Kommunizieren liegt der Tastsinn zugrunde, dessen Rezeptoren im ganzen Körper zu finden sind, meist jedoch unmittelbar unter der Körperoberfläche (Oberflächensensibilität) und in den Muskelspindeln (Tiefensensibilität). An Körperstellen an denen sich Sinushaare befinden, ist der Tastsinn infolge spezifischer Rezeptoren besonders gut entwickelt.




Zusammenfassung: Caniden verfügen über ein sehr komplexes, flexibles und differenziertes Kommunikationssystem. Was sie wohl nicht können, ist mit Hilfe ihrer Kommunikation über das unmittelbare Hier und Jetzt hinauszugehen. Dies ist allein dem Menschen und seiner Fähigkeit zu sprechen möglich – die Kommunikation über vergangene und zukünftige Ereignisse und über Einflüsse, die nicht unmittelbar wahrnehmbar sind. Kurz, Sprache ermöglicht menschliche Kultur und ist ein Kanal der Kommunikation beim Menschen.

Es gibt aber Kommunikationskanäle, die Hund und Mensch gemeinsam haben und die es gemeinsam zu nutzen gilt.

Es gibt fünf verschiedene Kommunikationsformen des Menschen: Sprechen, Zuhören, Schreiben, Lesen und Körpersprache(Kinesik, nonverbale oder analoge Kommunikation).





Die erfolgreiche Kommunikation des Menschen
nach Paul Watzlawik:

 
1. Axiom: Es gibt kein Nicht-Kommunizieren. Jedes menschliches Verhalten hat Mitteilungscharaktar, auch Schweigen und absichtliches Nichthandeln. Einer Kommunikation kann man sich nicht entziehen, es sei denn man entfernt sich physisch.
2. Axiom: Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und Beziehungsaspekt. Information inhaltlicher Art, wie z.B. Person A zu Person B: >Nehmen Sie doch Platz< oder >hinsetzen<, wird gleichzeitig eine Bewertung darüber abgegeben, wie Person A(Sender) die Beziehung zu Person B (Empfänger) sieht.
3. Axiom: Die Natur einer Beziehung ist durch Interpunktion der Kommunikationsabläufe
seitens der Kommunikationspartner bestimmt. In jeder Sekunde müssen wir Tausende von Sinneseindrücken verarbeiten und diese nach Wesentlichen und Unwesentlichen zergliedern (interpunktieren). Als Ergebnis dieser Interpunktion resultiert das, was jeder für sich als Wahrheit ansieht.
4. Axiom: Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten
Digitale Sprache ist das, was wir unter geschriebener Sprache verstehen. Die analoge Kommunikation besteht in Gestik, Mimik, Körperbewegungen, Tonfall, Sprechweise, Blickkontakt, Stellung im Raum wie Distanz und Nähe, usw. Während die gesprochene Sprache dem Ausdruck von Gedanken dient, ist der Körper das Ausdrucksmittel für Gefühle. Im Gegensatz zur verbalen Kommunikation unterliegt die Körpersprache nur begrenzt einer bewußten Kontrolle.
5. Axiom: Kommunikation verläuft entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht.
Beispiel für Symmetrie ist das Arbeiten im Team, für Komplementarität die Beziehung Eltern-Kind oder Vorgesetzter-Mitarbeiter.



Zwischen Hund und Mensch ergeben sich also die folgenden „Schnittstellen“ für gegenseitiges Verstehen:
Analoge Kommunikation: optische und taktile Kommunikation, 2. und 4. Axiom
Kommunikation als Voraussetzung eines harmonischen und auf beiden Seiten „artgerechten“ Zusammenlebens muß also auf diesen Ebenen stattfinden. Die Aufgabe, das zu verwirklichen, liegt ausschließlich beim „Partner Mensch“. Er muß sich, zum einen, ausreichend informiert dem Verständnisniveau des Hundes anpassen. Zum anderen fällt ihm die Verpflichtung zu, dem Hund die Chance zu geben, seine angeborenen Kommunikationsmöglichkeiten optimal auszubilden. Letzteres ist das Ziel der Sozialisation.






        Bindungsfähigkeit          Handlungsfähigkeit      Soziale Rolle             Problemlösungs-           Kommunikations-
                                                                                fähigkeit                fähigkeit 






Sozialisation besteht zunächst in der Förderung der natürlichen Interaktion des Welpen und Junghundes mit seinen Artgenossen. Ihre Ausformung ist die Voraussetzung für die spätere soziale Handlungsfähigkeit des Tieres, so für die Aufnahme von Beziehungen, das Eingehen von Bindungen, die Eingliederungen in soziale Gruppen und die Übernahme von bestimmten Rollen innerhalb des Rudels.


Soziale Entwicklung in den ersten acht Lebenswochen des Welpen

Azawakhwelpen durchleben eine Phase, in der sie ausgesprochen abhängig von der Mutter und anderen Gruppenmitgliedern sind. Die Azawakhhündin spendet ihren Welpen die nötige Nestwärme. Aus dem Gefühl der Geborgenheit heraus, das durch die dauernde Aufmerksamkeit der Hündin mit ihren nährenden, pflegenden, warnenden und schützenden „Sozialleistungen“ geboten wird, kann sich der Welpe normal entwickeln. Dabei lernt er seine Mutter und seine Wurfgeschwister an individuellen Merkmalen wie Geruch, Stimme und Aussehen kennen. Das individuelle Kennen ist eine Voraussetzung für die Entwicklung sozialer Bindung und für die Entstehung der soziale Rolle innerhalb einer Gruppe. In dieser Phase lernt der Welpe, was er tun und lassen muß. Er lernt, wie weit er gehen darf, wenn er z.B. seine spitzen Zähne an der Mutter, an den Wurfgeschwistern und am Menschen ausprobieren will. In diesem Moment muß der Mensch handeln. Durch das Kindchenschema der Welpen ist er oft versucht, zu spät und/oder zu inkonsequent zu reagieren. Geboten ist hier z.B. den Schnauzengriff mit verbaler Kommunikation: So nicht! Für den Beobachter mag dies grob erscheinen, aber Azawakhwelpen sind auch untereinander sehr heftig. Im Verhalten gegenüber Kindern ist dieses Erziehen besonders wichtig, weil sie schnell Angst bekommen können und den Welpen nicht mehr anfassen. Damit hätte der Azawakh gelernt, daß Kinder ohne Konsequenz zu beißen sind, weil sie offenbar auf der gleichen Rangordnungsstufe stehen. Ein Beispiel: Meine Azawakhrüden Jussuf und Kalil waren zeitweise tagsüber in einer Familie mit drei Kindern untergebracht. Das dreijährige Mädchen hat mit Kalil, 10 Wochen alt , auf dem Fußboden gespielt. Wie es Azawakhart sein kann, hat Kalil das Mädchen mit den Zähnen gezwickt. Daraufhin hat das Kind ohne zeitlicheVerzögerung den Hund in den Oberschenkel gebissen. Kalil hat nie mehr wieder den Versuch gemacht, Menschen zu zwicken, bis auf den heutigen Tag. Für ihn war es eine Lektion fürs Leben.


In dieser Phase, ungefähr nach der vierten Woche, ist es wichtig, die soziale Stabilität zu fördern. Parallel verläuft die physiologische Entwicklung. Der Welpe entfernt sich immer häufiger von der Mutterhündin, andere Gruppenmitglieder und Besucher nehmen in zunehmende Maße Kontakt auf. Der Welpe erlernt Kommunikation von anderen Artgenossen und vom Menschen. In diesem Lebensabschnitt braucht der Azawakh maximale Förderung in Form von Spielen, zeitweisem Umgebungswechsel, Autofahrten, Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen jeden Alters, mit Gegenständen des künftigen Alltags und mit Umweltreizen wie Straßen- und Baulärm, Musik u.v.a.

Soziales Lernen des Junghunds

Ab der 8. bis 10. Woche verläßt der Welpe in der Regel sein vertrautes Umfeld. Jetzt liegt es am neuen Rudelführer, die soziale Sicherheit des Azawakhs zu festigen. Das erste, was gefördert werden muß, ist die Bindungsfähigkeit. Das bedeutet im Alltag, mit den Azawakh kontinuierlich zu >arbeiten<, ihm Aufgaben geben und jegliches unerwünschte Verhalten konsequent zu unterbinden. Es nützt dem Azawakh wenig, wenn man mit ihm nur >spazieren geht<, er muß Aufgaben erfüllen! Im Standard der FCI heißt es u.a: Er >kann liebenswürdig und sanft zu denen sein, denen er seine Zuneigung schenken will<. Diese Zuneigung muß zusammen mit dem Azawakh erarbeitet werden. Es genügt nicht, den heranwachsenden Azawakh verhaltensmäßig sich selbst zu überlassen („die sind halt so!“). Als >Alphatier< hat der Besitzer die Verantwortung für die sozialverträgliche Rolle des Hundes in seiner neuen Meute. Die äußere Erscheinung des Azawakhs und seine psychische Hartnäckigkeit machen dies manchmal nicht leicht. Welcher Mensch schmilzt nicht hin und gerät ihn Verzückung, wenn er einem eleganten, hochbeinigen, leptosomen Windhund gegenübersteht, der ihn mit seinen melancholischen dunklen Mandelaugen anschaut? Das löst bei vielen Betreuungs- und Pflegeverhalten aus und weniger den Erziehungsauftrag. Und dann ist es schnell zu spät: Der Azawakh hat die „Schwäche“ seines Besitzers durchschaut und wird die eigene scheinbare Rangstellung gezielt ausnutzen. Ursprüngliche Hunde sind vom Verhalten her kompromißlos. Sie brauchen Aufgaben und wenn sie keine bekommen, dann suchen sie sich diese selbst und neigen fortan zur Selbstbestimmung. Sie sind aufs Überleben geprägt. Reserviertes Verhalten ist eine Überlebensstrategie. Hinzu kommt ein ausgeprägtes Revierbewußtsein. All dies macht den Azawakh, der außerhalb seines afrikanischen Stammesgebiets lebt, zu einer faszinierenden Herausforderung.


Ursprüngliche Rassen brauchen intensive Kommunikation und klare Verhaltensmuster, die innerhalb des Rudelverbands vorgelebt werden müssen. „Jeder hat den Azawakh, den er verdient“ (M. Röder-Thiede). Für die tiergerechte Kommunikation Mensch-Azawakh ist der taktile Kontakt, also die Hand des Menschen, von besonderer Bedeutung: Entspanntes Streicheln von Kopf und Körper, häufiges Anfassen des Welpen wie des erwachsenen Hundes festigt Bindungen und vermittelt dem Azawakh soziale Sicherheit. Durch kleine Berührungsgesten können Azawakhs sehr wirkungsvoll „erzogen“ werden. Handscheue Azawakhs sind nicht zufällig defensiv- aggressive Tiere, deren Beziehung zum Menschen gestört ist.

Dr. Dorit Urd Feddersen – Petersen verdanken wir eine beispielhafte Beobachtung:
>In unserem Wolfsrudel wurde ein Mitglied niederen Ranges auf einem im Gehege befindlichen Steg vom Alpha-Wolf gesichtet, der hier und heute dieses Tier eben dort nicht sehen wollte. Es gab und gibt keine Regeln, die rangniederen Tieren das Einnehmen erhöhter Tiere versagt, vielmehr wird ihr Verhalten sehr variabel vom Alpha-Tier gelenkt, im Sinne einer adaptiven Gruppenkoordinierung. Das Märchen von der Ressource, die nur den ranghöheren vorbehalten sind, erzähle ich also nicht. Denn es hat wenig mit der Realität zu tun. Soweit, so gut oder schlimm: Der Ranghohe legt seinen Kopf auf den Steg und schaut einfach, ab und zu knurrt er tief und atonal, keine Angst, vielmehr ausgeprägte Sicherheit und Zielstrebigkeit des Agierens zeigend. Der ausgeprägt defensiv drohende Wolf auf dem Steg hat ein Problem: Springt er runter, könnte er verfolgt und verprügelt werden; was geschieht, wenn der Alpha-Wolf kommt, weiß er auch nicht, er droht extrem defensiv und äußert hochfrequente atonale Laute.
Warum geht der Anführer nicht einfach? Vielleicht will er dem auf dem Steg eine Lektion erteilen? Auf kluge Weise, ohne seine Unversehrtheit auch nur andeutungsweise auf`s Spiel zusetzen? Denn das hat er nicht nötig. Er beobachtet, schließt die Augen, öffnet sie sofort wieder, wenn der Wolf von der Brücke springen will, dann knurrt er, tief und sicher. Irgendwann erhebt er sich, streckt sich (Komfortbewegung!), gähnt (Komfortbewegung!), stellt so seine gute Befindlichkeit zur Schau und geht auf die Brücke, der Bedrohte liegt platt am Boden, drückt sich an den Rand und vermeidet den Blickkontakt, den der Alpha auch gar nicht sucht, der verhält sich vielmehr so, als wäre der andere gar nicht anwesend, läßt sich raumnehmend neben dem Wolf nieder, sieht weg und schläft ein. Nach geraumer Zeit der Unsicherheit schläft auch das rangniedrige Tier ein.
So werden etliche Konflikte in Gruppen mit stabilen Rangverhältnissen geklärt: deutlicher könnte die Überlegenheit vom Alpharüden nicht dokumentiert werden, er macht, wonach ihm ist, läßt den Unterlegenen zappeln. Er regt sich nicht auf, das hat er schlicht nicht nötig. Und ultimativ betrachtet, stimmte das Kosten-Nutzen-Verhältnis auf das Feinste: er riskiert keine Verletzung, warum auch, diese Lektion war wirkungsvoller als eine Prügelei.
So zeigt ein Tier mit vielen Rechten und Fähigkeiten seinen hohen Status. Aufgeregtheit wäre unnötig und völlig deplaziert gewesen, warum sollte ein Rudelführer sich wegen dieser Lappalie (die immerhin 30 – 40 Minuten andauerte) aufregen<.



In der Übersetzung für den menschlichen Chef eines Azawakh-Rudels – und das ist bereits der Einzelhundbesitzer – heißt das:

Ich, der Mensch, bin immer das Alpha-Individuum im Rudel. Ich muß zielgerichtet agieren und darf nicht reagieren. Meine Körpersprache ist unmißverständlich. Meine Sprache ist klar und eindeutig. Ich habe Geduld, Souveränität, Sicherheit, Gelassenheit, Rechte und Leitungsqualitäten, um die Gruppe führen zu können. Innerhalb der Azawakhgruppe lasse ich bei einzelnen Azawakhs Kommunikation zu, die dem Funktionieren der Gruppe dient, greife aber ein, wenn im Einzelfall unerwünschtes Verhalten eintritt, das die Gruppe disharmonisch macht. Ich bin konsequent bei der Befolgung der Regeln. Bei mehreren Rudel-Mitgliedern kenne ich die soziale Rolle, die der einzelne Azawakh hat, und fördere sie. Ich festige die individuelle Bindung an mich. Ich erfülle mit meinem Rudel gemeinsame Aufgaben, damit das soziale Gefüge stabil ist und bleibt.