NIGER IM APRIL 2010: EINE REISE INS UNGEWISSE MIT ERFREULICHEM AUSGANG

Vorgeschichte: Auf den geplanten Wurf unserer Champion-Hündin Meliha of Silverdale (Imp.1 nach Ch. Jamil of Silverdale und Safi) haben in diesem Jahr etliche Azawakhliebhaber im In- und Ausland gewartet. Milas Partner sollte desert-bred, also ein echter „Wüstensohn“ aus dem Ursprungsland der Rasse sein. Imp.0 – Rüden sind in Europa schwer zu finden. So haben wir Mila mit dem aus der Umgebung von Menaka (Mali) stammenden Rüden „Au Pied“ verlobt. Er lebt im Haus unseres Targi-Freundes Mahaman Yaou in Niamey, der Hauptstadt von Niger. Die EU-Dokumente für Milas Rückflug aus einem „nicht gelisteten Drittland“ wurden zusammengetragen, die Berliner Botschaft hat die Erteilung eines Niger-Visums befürwortet und Air France die Flüge via Paris in der Begleitung eines Windhunds bestätigt. Wir hatten die Tickets für ein Zeitfenster gebucht, das nach Untersuchungen und Labortests für die afrikanische Hochzeit in Frage kommen musste. Mila hat sich mit dem tatsächlichen Kalendarium ihrer Läufigkeit an diese Terminprognose aber nicht gehalten. Sollten Oliver und ich unsere Flugscheine trotzdem nutzen? Wir haben uns dazu entschlossen, obwohl die innenpolitische Lage in Niger unklar war und die Reisebeschränkungen im Land als Folge der Al Kaida-Geiselnahmen ebenso wie die späte Jahreszeit es ziemlich unwahrscheinlich machten, mit Nomaden und ihren Azawakhs in Berührung zu kommen. Wir mussten unsere Neugier nicht bereuen.


Am 18. Februar war das Regime Tandja durch einen Militärputsch unter Führung des Generals Salou Djibo gestürzt und der bisherige Präsident in Hausarrest genommen worden. In das Übergangskabinett wurden u.a. Angehörige bisher benachteiligter Volksgruppen und der parlamentarischen Opposition berufen. Die Information aus Afrika, dass Niamey schnell zur Normalität zurückgekehrt sei und die Mehrheit der Bevölkerung mit der neuen Regierung sympathisiere, fanden wir bald nach unserer Ankunft bestätigt. Die Präsenz von Soldaten und Sicherheitskräften war kaum bemerkbar; lediglich ein paar Artillerieeinschläge in der Mauer des Präsidentenpalasts zeugten von dem im wesentlichen unblutigen Machtwechsel. Die Tageszeitungen der Hauptstadt diskutierten anscheinend unzensiert die Reformpolitik der Militärs. Der offenbar auf gutem Kurs befindliche Ausgleich mit den Tuaregrebellen im Norden und Osten des Landes und die Eindämmung terroristischer Aktivitäten von jenseits der Grenze gehören zu den wichtigsten Zielen der Junta. Kompliziert wird die Gesamtlage dadurch, dass überseeische Drogenkartelle die Transportwege von westafrikanischen See- und Lufthäfen aus durch die Sahara in den Mittelmeerraum und weiter zu den europäischen Abnehmern entdeckt haben. Die „Wegzölle“ aus dem Drogenschmuggel sind damit nicht nur Bestandteil der traditionsreichen Tuareg-Ökonomie, sondern auch Geldquelle für islamistische Gruppen im Maghreb und nicht zuletzt eine neue Zuverdienstmöglichkeit für korruptionsanfällige Teile des Militär- und Sicherheitsapparats in den Grenz- und Durchfuhrgebieten. Das Drängen der USA und ihrer Verbündeten auf eine gemeinsame Bekämpfung von Al Kaida-nahen Gruppierungen und auf Unterbindung der Rauschgiftexporte in den Westen birgt für die Sahel-Regierungen und hier besonders für Mali eine weitere Gefahr: Die wirtschaftlich unterprivilegierten Tamaschek-Minderheiten könnten auf solche Einkommensminderungen – wie schon in der Vergangenheit bei Maßnahmen der Zentralgewalt gegen den „illegalen“ Warenverkehr alter Art und die Weiterbeförderung von Wirtschaftsflüchtlingen in Richtung Europa – erneut mit Aufständen antworten.

Die Situation in Niger hat uns neben solchen aktuellen Einschätzungen vor Ort zu weiteren Impressionen und Erfahrungen verholfen. Zum einen: Niamey war als Folge der ausländischen Reisewarnungen erstmals so gut wie touristenfrei. Das gab uns zum Beispiel Gelegenheit, das wirklich „einheimische“ Marktwesen, etwa die handwerkliche Umarbeitung von europäischem Zivilisationsabfall in afrikanische Gebrauchsgegenstände, intensiv und ohne Beeinträchtigung durch Cadeaux-Jäger und Touristenkommerz zu erleben. Ebenso selten für sonst nur durchreisende Besucher war das Kennenlernen der postkolonialen und multiethnischen Welt von „afrikanischen Europäern“ in Niamey - Entwicklungsmanager, Lehrer, Berater, Geschäftsleute mit Dauerwohnsitz und häufig mit einheimischen Partnern und hier gegründeten Familien. Diese kultursoziologisch besondere Szenerie hat ihren eigenen Lebensrhytmus, zu dem etwa der nachmittägliche Swimmingpool-Drink in bestimmten Hotels und Gastronomien gehört oder ein Treffen bei Sonnenuntergang auf der Terrasse des Grand Hotels hoch über dem Niger, oft mit späten Verabredungen in einheimischen Szenelokalen, und gelegentlich die von europäischen Kultureinrichtungen gebotenen Events. Die Gastlichkeit von Mahaman und seiner französischen Ehefrau – seit Jahren im Auslandsschuldienst tätig – hat uns diese Impressionen ermöglicht. Das Leben der heute überall im südsaharischen Afrika auffällig präsenten Wirtschaftskader und Spezialisten aus der Volksrepublik China scheint dagegen andere und eigene Mittelpunkte zu haben.

Oliver und ich wollten es mit diesen Erfahrungen nicht bewenden lassen und haben den Plan für eine zumindest kurzzeitige „Azawakh-Expedition“ ins Landesinnere auf die Tagesordnung gesetzt. Es war für Mahaman nicht einfach, Verbindungen zum zuständigen Ministerium für eine Genehmigung zu nutzen. Hindernis für ein liberales laissez-passer seitens der Militärs war offenbar die Haltung der deutschen Botschaft, die ihren Staatsangehörigen lediglich Bewegungen innerhalb eines Zwanzig-Kilometer-Kreises um die Hauptstadt zugestehen wollte. Das Ministerium gab uns schließlich freie Fahrt durch die nordöstlichen Savannen bis in die Gegend von Filingue. Der südlicher gelegene Teil dieses Gebiets ist Weideregion von ansässigen Peul-Viehzüchtern, die in der Regel Idis als Wächter ihrer Herden und Anwesen halten. Die sich nördlich anschließenden Halbwüsten sind Landeskundigen als Durchzugs- und traditionelle Rastregionen von Tamascheknomaden bekannt, die sich während der Trockenperiode mit dem Kernbestand ihrer Herden, der überlebensnotwendigen Ausrüstung und den kräftigsten Clanmitgliedern auf dem Weg zu den Wasserstellen der Hirsebauern im südlichen Niger befinden. Diese „Transhumanz“-Wanderung fußt auf einer jahreszeitlich geregelten symbiotischen Beziehung: Die Stoppeln der abgeernteten Hirsefelder sind für das Vieh als Nahrungsquelle freigegeben, die Bauern wiederum profitieren von dem Dung, den die Herden auf ihren Feldern zurücklassen. Nomaden aus dem Dollol Bosso und dem malischen „Azawakhtal“ nutzen diese Route je nach Verfügbarkeit von weiter nördlich gelegenen Weideflächen und Brunnen. Ein Teil der Familienmitglieder – meist Frauen, Kinder, ältere Personen sowie die notwendigen Beschützer von Hausrat und restlichem Tierbestand - bleibt in den derzeit nicht zugänglichen Stammlagern im Norden zurück. Offen bei unserem Unternehmen war also, ob wir die jeweils nur kurz verweilenden Wanderungsgruppen aufspüren konnten und ob sie gegebenenfalls von einigen ihrer Windhunde begleitet sein würden.
Ungeachtet dieses Ergebnisrisikos sind wir mit Mahaman und einem Peul-Guide in einem Geländefahrzeug von Zenith Tours auf die Piste gegangen, mit noch reichlich Platz für Zelte, Lagerausrüstung, Dieselvorräten. Wasser und den Proviant für die wie immer vorzügliche Expeditionsküche. die diesmal von unserem Peul-Pfadfinder betrieben wurde. Die Tagestemperaturen bewegten sich weit über 40 Grad, erträglich Dank der fehlenden Luftfeuchte. Während unseres gesamten Aufenthalts hing ein Schleier aus Saharastaub über dem Land, der die Sonnenscheibe nur erahnbar machte. Selbst unter Verzicht auf ihr spektakuläres Auf- und Untergehen und auf die Unendlichkeit des nächtlichen Sternenhimmels genossen Oliver und ich die schon zu lang entbehrte Faszination des afrikanischen Buschs.

Kurz und gut: Auch die Hoffnung auf ein Zusammentreffen mit Idis und ihren Leuten täuschte nicht. Das hat manchen Kreuz-und-Quer-Kurs durch die Steppe und Erkundigungen bei Hirten und in Siedlungen erfordert, aber wir haben immer wieder zu den Lagern durchziehender Nomaden
gefunden. Sie haben uns zur Rast unter ihren Mattenzelten eingeladen und uns zu Gefallen ihre Azawakhs aus schattenspendenden Verstecken hervorgelockt, in denen sich die Hunde der Tageshitze bestmöglich entziehen, um ihre Energiereserven für die Nachtwache und die langen Märsche zu schonen. Was die Idis aber nicht daran gehindert hat, bei unserer Weiterfahrt ein begeistertes Wettrennen gegen den Landcruiser in Szene zu setzen.

Hier eine Auswahl der Azawakh-Fotos, die unter technisch recht schwierigen
Umweltbedingungen zustande gekommen sind:




Bei der Rückkehr nach vier letztlich doch recht kräftezehrenden Tagen in unsere grüne Hotel-Oase mit AC-temperierten afrikanischen Bungalows hat eine weitere Überraschung auf uns gewartet: Die Einladung, am bevorstehenden Wochenende zusammen mit dem diplomatischen Corps den neuen Minister für Fremdenverkehr, einen hochrangigen Targi-Offizier, zur Eröffnung der >Alzanaye< nach Ayorou zu begleiten.



Ayorou ist der Grenzort zu Mali an der legendären Transsahara-Route und liegt somit in einer Region, die seit zwei Jahren für Fremde gesperrt ist. Das Festival ist den Ethnien am Nigerfluss in Mali, Burkina Faso und Niger gewidmet. Äußerst farbenprächtige und mitreißende Darbietungen, Tänze und Gesänge ihrer zahlreichen Abordnungen haben sich da vor unseren Augen abgespielt. Freilich erst, nachdem der Festplatz mit seiner Prominententribüne durch das Ministerbegleitkommando endlich gesichert schien und ein Fahnenmast zum Hissen der Nationalfarben im Wüstensand erfolgreich verankert werden konnte. Ausschnitte des militärischen und des folkloristischen Schauspiels hat Oliver auf Videoclips festgehalten. Ich nehme an, dass man sie demnächst im Internet abrufen kann.




Eher traurig und eben ein Zeichen der nach wie vor prekären Binnensituation der Sahelstaaten war allerdings der Umstand, dass wir neben einigen Diplomaten – die Chinesen hatten sogar ihren Botschafter persönlich entsandt - zu den ganz wenigen „zivilen“ ausländischen Besuchern dieses Festivals zählten.

Wir haben unseren Kurzbesuch in Afrika auch dazu genutzt, Möglichkeiten für eine erste einheimische Infrastruktur zugunsten des Sahelischen Windhunds und im Sinne der Biodiversity-Ziele der Vereinten Nationen zu erkunden. Solche Anfänge könnten für künftige Versuche nützlich sein, die durch die EU-Bürokratie willkürlich geschaffenen Hindernisse bei der Adoption von nach wie vor benötigtem „desert bred“-Nachwuchs für den außerafrikanischen Rassebestand zu relativieren.


Werner Röder mit Moumouni Hamadou, Directeur de l’Amenagement et des Investissements Touristiques der Republik Niger. Rechts Mahaman Yaou.

Wir sind am 12.April wieder im kalten und verregneten Europa angekommen. Allerdings ohne eine sich in „guter Hoffnung“ befindliche Meliha of Silverdale, die stattdessen die Gelegenheit wahrgenommen hat, am 25.Juli in Chardonnay bei der FCI-Coursingmeisterschaft zum zweiten Mal Europasiegerin der Azawakh-Hündinnen zu werden. Aber wir sind mit dem starken Gefühl heimgekehrt, dass der Einsatz für eine der letzten ursprünglichen Hunderassen unserer heutigen Welt nicht ganz aussichtslos und somit aller Anstrengungen wert ist.


Nachwort: Unlängst erreichte uns die bestürzende Nachricht, dass kurz nach unserer Abreise der französische Ingenieur Michel Germaneau aus Niger entführt und an die Al Kaida des Maghreb ausgeliefert worden ist. Wo und in welcher Funktion sich der Achtundsiebzigjährige im Lande aufgehalten hat, liegt nach wie vor im Dunkeln. Er ist Ende Juli von den Terroristen ermordet worden, nachdem amerikanische, französische, malische und mauretanische Sicherheitskräfte gemeinsam ein Islamistenlager in der Sahara angegriffen haben, das als Aufenthaltsort der Geisel galt. Sechs Al Kaida – Leute sollen bei dem missglückten Befreiungsversuch getötet worden sein, der französische Staatspräsident Sarkozy hat weitere Maßnahmen angekündigt. Betroffenheit und Trauer über das Schicksal von Michel Germaneau und vorangegangener Entführungsopfer teilen wir mit dem Wissen, dass die Bevölkerung in den Sahelstaaten Afrikas ohne selbstverantwortliches Zutun einer Entwicklung ausgesetzt ist, die ihr durch fremden Fanatismus, globale Wirtschaftsinteressen und den Kampf benachbarter und weltweit agierender Mächte um politische Einflusszonen aufgezwungen wird.


August 2010    
Werner Röder