FCI-Reglement

Art. 10 - Ethischer Kode

Die Zucht und Entwicklung von Hunderassen muss auf langfristigen Zielsetzungen und soliden Grundsätzen beruhen, so dass die Zucht keine kranken Hunde, Hunde mit Verhaltensmängeln oder Hunde mit Verlust an Gebrauchseigenschaften erzeugt.
Ziel des Züchtens muss sein, dass die genetische Vielfalt der Rasse bewahrt, und wenn möglich erweitert wird.
Es darf nur mit funktional gesunden Hunden gezüchtet werden. Es ist Aufgabe jedes Züchters, zu prüfen, ob der für die Zucht vorgesehene Hund hinsichtlich seiner Verhaltenseigenschaften und seiner körperlichen Merkmale auch zur Zucht geeignet ist.
Der Züchter muss für Zuchttiere gute Bedingungen sicherstellen, die ihren physischen und psychischen Bedürfnissen entsprechen.
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Elisabeth Naumann

Eine Betrachtung über Hundezucht und Hundehalter


Im Jahr 2003 kamen ca. 500 000 Welpen in Deutschland auf die Welt. Davon waren 25% Welpen aus kontrollierter VDH-Zucht, 20% waren Importe und 55% der Welpen waren aus unkontrollierter Zucht, darunter sogenannte Mischlinge.
Die ungeheure Hunderassenvielfalt bei lediglich einer Ausgangsform als Stammart war nur durch die große Variationsbreite im Genmaterial des Wolfs möglich.
Rassehundezucht als gezielte Auslese aus der großen Fortpflanzungsgemeinschaft aller Hunde mit gewissen Zielvorstellungen erfolgte erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts.
Mehr als die Hälfte aller heutigen Hunderassen wurden als Jagdhunde verwendet. Der Einfluss menschlicher Gesellschaftsformen und Wirtschaftsstrukturen auf Rassenbildung und Rassenförderung ist enorm. Bereits in Ägypten vor ca. 5000 Jahren entwickelten sich die ersten Rassen als Ergebnis systematischer Hundezucht der wohlhabenden Oberschicht. Die Römer kannten bereits eine Vielzahl von Hunderassen, die zum Teil heutigen Rassen sehr ähnlich waren. Hunderassen entstehen neu bzw. sterben wieder aus, um in ähnlicher Erscheinungsform an anderen weit entfernten Orten z.T. aus völlig unterschiedlicher Abstammung erneut ins Leben zu treten. Tiere ohne Haarkleid sind unabhängig voneinander in Mexiko, Südostasien und Afrika aufgetaucht. Hunde mit verkürzter Schnauze wurden unabhängig voneinander in Peru, China und Europa gezüchtet. Solche der Gesundheit und Funktionalität nicht gerade förderlichen Modifikationen des Hundes sprachen den Menschen zu allen Zeiten an – auch heute noch. Wo immer die kulturellen Voraussetzungen dazu vorhanden waren, ist versucht worden, auffallende Extremformen weiter auszuprägen. Diese Lust an Übersteigerungen, am Künstlichen, Abartigen, Abnormen gerät nicht zum Vorteil des Hundes. In freier Wildbahn würden solche lebensuntüchtig machenden Merkmale zum frühen Tod des Hundes führen und damit schnell ausgemerzt sein. Die Vielfalt der Hunderassen ist durch derartige züchterischen „Spielereien“ enorm angewachsen.

Die FCI teilt die Hunderassen in 11 Gruppen ein:

Gruppe 1: Hüte- und Treibhunde, z.B. Deutscher Schäferhund, Collie, Kuvasz
Gruppe 2: Pinscher, Schnauzer, Molosser und Schweizer Sennenhunde
Gruppe 3: Terrier
Gruppe 4: Dachshunde (Dackel, Teckel)
Gruppe 5: Spitze, nordische Hunde und Hunde vom Urtyp, z.B. Canaan Dog, Nackthunde
Gruppe 6: Lauf- und Schweißhunde, z.B. Dalmatiner
Gruppe 7: Vorstehhunde, z.B. Irisch Setter , Münsterländer
Gruppe 8: Apportier-, Stöber- und Wasserhunde, z.B. Retriever, Irish Water Spaniel
Gruppe 9: Gesellschafts- und Begleithunde, z.B. Pudel, Lhasa Apso
Gruppe 10: Windhunde, z.B. Afghane, Greyhound, Azawakh, Irish Wolfhound
Gruppe 11: Hunde, deren Anerkennung als Rasse bevorsteht, z.B. Australian Shepheard



Zucht am Beispiel der Gruppe 10 - Windhunde:

Grundlage der Zucht von Windhunden ist die Reinerhaltung der Rasse, d.h. es dürfen nur Tiere der gleichen Rasse gepaart werden. Unter >Rasse< versteht man eine Gruppe von Einzeltieren innerhalb ihrer >Art< (hier also der Hunde insgesamt), die sich durch den gemeinsamen Besitz bestimmter Eigenschaften von anderen Artgenossen unterscheiden und diese Eigenschaften im allgemeinen auf ihre unter gleichen Verhältnissen aufwachsenden Nachkommen vererben (nach Kronacher).

Die Zuchtordnung des Windhundverbandes (DWZRV) dient der planmäßigen Vermehrung funktional typischer und erbgesunder, verhaltensfester Windhunde, um diese in ihrer jeweiligen Rasseeigenheit zu erhalten. Von unserem Verband werden zur Zeit 18 Rassen betreut, nämlich Afghanische Windhunde, Azawakhs, Barsois, Chart Polski, Cirneco dell`Etna, Deerhounds, Galgo Espanol, Greyhounds, Irish Wolfhounds, Italienische Windspiele, Magyar Agar, Pharao-Hound, Podenco Ibicenco, Podenco Portogues, Salukis, Sloughis und Whippets. Die Zuchtziele werden in den Rassestandards der Fédération Cynologique Internationale (FCI) beschrieben. Erbgesund ist ein Rassehund dann, wenn er Standardmerkmale, Rassetyp und rassetypisches Verhalten vererbt, jedoch keine erheblichen erblichen Defekte, welche die funktionale Gesundheit seiner Nachkommen beeinträchtigen könnten. Eine ordentliche Zucht im Sinne des DWZRV setzt voraus, dass eine Hündin während einer Läufigkeitsperiode nur vom gleichen Rüden gedeckt wird. Der DWZRV bestätigt die Abstammung eines Hundes durch die Ahnentafel (>Stammbaum<) und führt das Deutsche Windhund - Zuchtbuch (DWZB), in dem jeder Windhund mit Zuchtbuchnummer und Abstammung verzeichnet ist

Zuchtverfahren:

1. Fremdzucht oder Outcrossing: Paarung von Tieren gleicher Rasse, die nicht miteinander verwandt sind.
2. Linienzucht: Abgeschwächte Verwandtschaftszucht, bei der die Zuchttiere innerhalb der engeren oder weiteren Verwandtschaft sorgfältig nach ihren körperlichen und Wesensmerkmalen ausgewählt werden, um eine Zucht auf einen bestimmten Typ zu erreichen.
3. Inzucht: Auf engerer Blutsverwandtschaft gegründete Zucht, in der ein Ahn mindestens je einmal auf Vater- und Mutterseite vertreten ist. Inzucht ist Verwandtschaftszucht, wobei der Verwandtschaftsbegriff auf die ersten vier Ahnenreihen beschränkt wird. Im Sinne dieses Zuchtverfahren werden darunter Paarungen zwischen 2. und 4. Grads in gerader oder Seitenlinie verstanden. Beispiele: Onkel und Nichte, Neffe und Tante, Vetter und Base, Großeltern und Enkel.
4. Inzestzucht: Paarungen zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern, also zwischen Verwandten 1. Grades.

Zuchtwahl:

Eine Hündin oder ein Rüde mit Ahnentafel kann angekört werden. Mit einem Windhund besucht man hierzu Spezialzuchtschauen oder Internationale Hundezuchtschauen, wo der Hund mindestens die Formwertnote „sehr gut“ erhalten muss. Auf Zuchtschauen kann der Hund Anwartschaften für das Deutsche Schönheitschampionat, das VDH- Schönheitschampionat und Titel wie FCI-Weltsieger, Europasieger und ähnliches erwerben. Durch zwei Spezialrichter muß das korrekte Gebiss und die Widerristhöhe im Hundepaß bestätigt werden. Sind diese Formalien erfüllt, wird der Hund dann angekört und zur Zucht zugelassen.
Was auf Ausstellungen bewertet wird, ist der Phänotyp; das ist das äußere Erscheinungsbild, das durch die Wirkung von Erb- und Umweltfaktoren geprägt wird. Genotypus hingegen ist die Bezeichnung für die Gesamtheit der Gene eines Organismus (Erbmasse, Erbgut, genetische Konstitution). Hier wird einer der Gründe deutlich, warum auf Ausstellungen erworbene Auszeichnungen, die ja nur nach dem Erscheinungsbild des einzelnen Tieres vergeben werden können, nicht gleichbedeutend mit guten Zuchterfolgen sein müssen.
Vererbt wird nur der Genotyp, der Phänotyp ist Ausdruck des Zusammenwirkens von Genotyp und Umwelt. Die Umwelteinflüsse sind nicht zu unterschätzende Faktoren im Zuchtgeschehen. So können zwei Organismen vom gleichen Erbgut unter verschiedenen Umweltbedingungen zu völlig verschiedenen Erscheinungsbildern führen. Anderseits läßt das gleiche Erscheinungsbild zweier Individuen nicht den Schluss auf identische Erbmasse zu.

Welche Anforderungen sind an einem Hundezüchter zu stellen?

Im weitesten Sinne ist es leicht, Hundezüchter zu werden. Alles, was man braucht, ist eine Hündin, Zugang zu einem Rüden der gleichen Rasse und schon ist man im Geschäft. Sehr viele Menschen tun ihr ganzes Leben nichts anderes: Sie haben eine Hündin, meist eine ganze Anzahl von Hündinnen, möglicherweise auch Rüden, gehen mit ihnen auf Ausstellungen, gewinnen Pokale - dann paaren sie die Hunde zu gegebener Zeit und verkaufen den Nachwuchs. Selbst ein Mensch, der dies über 10 Jahre und länger tut, ist dadurch nicht zum Züchter geworden. Er ist und bleibt ein Vermehrer.
Die Hundewelt ist voller Vermehrer, einige von ihnen haben durch Herausbringen eines gelegentlichen Siegers sogar Erfolge erreicht, trotzdem sind sie keine Hundezüchter. In vielen Ländern gibt es Menschen, die Wurf um Wurf einer Einzelrasse oder, häufiger, einer Reihe von Rassen hervorbringen, natürlich in erster Linie Rassen, die gefragt sind und im In- und Ausland hohe Preise erzielen. Solche Leute sind nicht besser als die berüchtigten >Welpenfarmen< und verdienen mit Sicherheit nicht die Bezeichnung Hundezüchter.

Ein wirklicher Hundezüchter ist ein Mensch, der an Hunden im allgemeinen lebhaft interessiert ist, sich einer Rasse besonders verschrieben hat und

► versucht, alles zu lernen, was er über die Rasse zu lernen vermag,
► einen solchen Hund erwirbt und mit ihm lebt,
► gelegentlich einen Wurf züchtet, ihn sorgfältig plant und stets versucht, die Qualität seiner Zucht zu verbessern,
► seine Hunde richtig sozialisiert, hält und füttert; sich nachhaltig darum bemüht, die Hunde voll in den eigenen Haushalt zu integrieren. Um dies zu erreichen, dürfen nur so viele Hunde gehalten werden, wie man sich mit jedem einzelnen intensiv zu befassen vermag,
► der seine Aufmerksamkeit auf Defekte und Fehler in der Rasse richtet, ihr Auftreten durch alle zur Verfügung stehenden genetischen Maßnahmen verhindert,
► seine Welpen zu fairen Preisen verkauft und sich so weit wie irgend möglich vergewissert, dass sie in guten Hände kommen.
► der immer einen klaren ethischen Code aufrechterhält, ob dies der Rassezuchtverein verlangt oder nicht,
► der gewährleistet, dass jeder seiner Hunde, der in Not gerät, zurückgenommen wird, damit er ihm ein neues Zuhause sucht oder ihn in sein eigenes Rudel integriert,
► der das Beste für die Rasse immer über den persönlichen Ehrgeiz stellt.

Es gibt nichts unethisches daran, wenn man aus der Hundehaltung seinen Lebensunterhalt erzielt, vorausgesetzt, die Gesundheit der Rasse wird dabei nicht geopfert. Es ist keinesfalls ein >Verbrechen<, wenn in einer Zucht Defekte auftreten, denn es entspricht einfach genetischen Gesetzen, dass dies in jedermanns Zuchtstätte passieren kann. Entscheidend vielmehr ist, was man tut, wenn solche Defekte bemerkbar werden, und wie sehr man sich darum bemüht, das Risiko derartiger Defekt von vornherein zu begrenzen. >Züchter<, die sich nicht darum kümmern, die elementarsten Vorkehrungen zu treffen, um die in ihrer Zucht bekannten Fehler in Zukunft zu vermeiden, sind eine Schande. Und all jene, die, wenn in ihrer Zucht ein Problem auftritt, dieses schnell >begraben< und verschweigen, stellen ihren eigene Eitelkeit über das Gedeihen der Hunderasse.
Viel zu viele Menschen in der Hundewelt – einige davon in recht hoher Funktion – sind viel mehr Nehmende als Gebende. Sie nehmen Geld und Prestige von ihren Hunden und geben der Rasse wenig oder gar nichts. Hundeausstellungen würde davon profitieren, wenn es weniger Richter gäbe, die in ihrer Lizenz Hunderassen um Hunderassen aufführen - so, wie andere Briefmarken sammeln – statt sich auf einige ausgewählte Rassen mit um so größerer Kompetenz zu konzentrieren.

Hunde werden häufig als Ausdruck des Egos ihres Besitzer beschrieben. Für viele Hundebesitzer wird eine Kritik ihres Hundes zur Kritik an ihnen selbst. Aber einzig und allein durch konstruktive Kritik können Fortschritte in der Zucht erzielt werden. Hundeausstellungen werden viel zu häufig veranstaltet, viel zu oft verfassen Richter gewundene Beurteilungen, um nicht mit einem ungeschminkten Hinweis auf Unzulänglichkeiten die Gefühle einzelner Aussteller zu verletzen und so vielleicht auch ihr Engagement bei künftigen Ausstellungen zu gefährden. Man kann keine Rasse nachhaltig fördern, wenn vorhandene Fehler oder Zuchttendenzen in die falsche Richtung nicht klar aufgezeigt werden.


Die Situation des Hundes in unserer heutigen Gesellschaft

Der moderne Mensch hat sich von der Natur entfernt. Während der Hund mit unseren Vorfahren rund um die Uhr zusammenlebte, begleitet er uns heute nur noch in der Freizeit. Doch selbst dann kann er nicht überall dabei sein. Das wiederum versteht der Hund nicht, denn er ist 24 Stunden lang Hund. Zudem hat die Nutzung des Hundes in der heutigen Gesellschaft meist nichts mehr mit „Arbeit“ im Verständnis des Hundes zu tun. Es sind abstrakte soziale Ziele, für die ihn der Mensch heute braucht: Partnerersatz, Kinderersatz, Geschwisterersatz, Freizeitpartner, Sport- und Spielgerät oder Renommiergegenstand. Bei allen diesen neuen Aufgaben des Hundes besteht die große Gefahr seiner Vermenschlichung. Sie ist eines der Hauptprobleme der modernen Hundehaltung. In solchen Mensch-Hund-Beziehungen werden die Bedürfnisse nicht erfüllt, Verhaltungsstörungen sind vorprogrammiert. Und in der Rangordnung seiner Familie findet der Hund ebenfalls nicht seinen Platz, wenn er inkonsequent oder antiautoritär erzogen wird. Er wird die Führungsrolle übernehmen und für die Familie zur Gefahr werden. Für manche Menschen wäre der Hund zum Ein- und Ausschalten ideal. Sie könnten ihn nach dem Freizeitspaß ohne Gewissensbisse neben dem Surfbrett abstellen, bis es wieder Spaß macht, mit ihm etwas zu unternehmen. Der Hund soll in jeder Hinsicht den Vorstellungen des Menschen entsprechen. Dies läuft aber meist seinen Bedürfnissen und angeborenen Trieben zuwider. Er soll beschützen, darf aber Freunden, Nachbarn und Kindern nichts tun, auch wenn sie ihn noch so ärgern. Mit anderen Hunden darf er nicht raufen, soll aber gewinnen, wenn er angegriffen wird. Beim Spaziergang soll er sich austoben, wildern darf er jedoch nicht. Auch wenn er weit entfernt seinen Interessen nachgeht, soll er sofort auf Befehl zurückkommen, auch wenn er dessen Sinn nicht versteht. Wenn er an der Leine zieht, wird er abgeleint und darf frei herumlaufen, obwohl er dafür noch nicht erzogen ist. Er darf im Freien Löcher graben, im eigenen Garten aber nicht. Der Besitzer erwartet vom Hund, dass er sauber ist, und gibt ihm kaum Gelegenheit, die Stubenreinheit zu erlernen. Er verbietet ihm, unappetitliche Dinge zu fressen, weiß aber nicht, dass der Hund von Natur aus Aasfresser ist. Er erwartet, dass er seine Sprache versteht, hat aber selbst keine Ahnung von der Körpersprache des Hundes. Er will nicht, dass er bettelt, füttert ihn aber vom Tisch. Bei der stürmischen Begrüßung von Familienmitgliedern lobt er den Hund, erwartet aber, dass er es bei Fremden unterläßt. Der heutige Mensch braucht den Hund nicht mehr als Helfer, sondern als Freizeitbegleiter.
Für seine neuen Aufgaben in der heutigen Gesellschaft, die fast ausschließlich im sozialen Bereich liegen, hat der Hund sehr viel aufgeben müssen. Er darf seinen Lebensunterhalt nicht mehr zusammen mit seinem Menschen erjagen. Sein Futter ist pünktlich im Napf. Um die Hündin muss er nicht mehr kämpfen, sie wird ihm gebracht. Der Verwendungszweck, für den er einst gezüchtet wurde, ist vielen Menschen nicht einmal bekannt. Viele Hunde werden als Familienhunde mit Luxus überhäuft. Sie sind arbeitslos – und leiden. Sie werden nur noch einfallslos spazieren geführt. Sie bekommen keine Aufgaben mehr, die sie mit ihrer Intelligenz lösen könnten.. Der heutige Hund ist aufgrund seiner Unterforderung oft hyperaktiv, unbefriedigt, frustriert und letztlich verhaltensauffällig. Die Bewegung des Hundes ist immer sinngerichtet in eine Tätigkeit eingebunden. Damit die Hunde auf langweiligen Spaziergängen nicht total verdummen, unternehmen sie selbst etwas, was sie teilweise befriedigt: Sie entfernen sich immer mehr von ihrem Besitzer und gehen ihren jagdlichen Instinkten nach. Denn der Hund will etwas erleben, wenn er zusammen mit seinem Menschen die „Wohnhöhle“ verlässt.

Alles, was wir in Anwesenheit des Hundes tun, wird von ihm registriert und beurteilt. Davon hängt es ab, wer in Zukunft Rudelführer ist. Unser Verhalten ist ausschlaggebend dafür, welches Bild sich der Hund von uns macht. Die Gassi-Spaziergänge zeigen ihm jeden Tag aufs Neue, dass wir für die Jagd nicht geeignet sind. Ständig versucht er, uns mit hundgemäßen Gesten aufzufordern, gemeinsam mit ihm zu arbeiten - bis er resigniert und allein seinen Interessen nachgeht. Beim Spiel bestimmt er dann meist den genauen Ablauf. Er nimmt dadurch die Rechte eines Ranghöheren in Anspruch. Wir sind stolz darauf, dass der Hund das Spielzeug anbringt und uns auch noch bellend den Befehl gibt, den Ball zu werfen. Wir werden zu seiner Ballmaschine, die er beherrscht. Wenn der Hund auf die Couch springt und der Besitzer zur Seite rückt, ist der Hund überzeugt, dass ihm dieser Platz als Ranghöherem zusteht. Wenn der Hund die Wohnungstür nach dem Läuten verteidigen darf, bestätigt ihn der Mensch als allein Verantwortlichen an dieser wichtigen Reviergrenze. Der Hund wird sich dann später von einem >Rangniedrigen< diese Position kaum streitig machen lassen. Auf Grund dieser menschlichen Fehler, die den Hund in der Gewissheit aufwachsen lassen, dass er der Chef ist, kommt es zu schweren Missverständnissen, die sogar gefährlich werden können. Der Mensch gewährt dem Hund bei vielen Gelegenheiten die Freiheiten eines Rudelführers, in bestimmten Situationen soll er sich dann aber trotzdem unterordnen. Der erwachsene Hund wird seinen einmal erworbenen Status jedoch mit Zähnen verteidigen..

Was kann der Besitzer und namentlich der Anfänger tun?

Er muß sich ausreichendes Wissen aus der Verhaltenslehre aneignen oder von einer kompetenten Person – am besten von einem nach modernen Grundsätzen arbeitenden Hundetrainer - erklären lassen. Hand in Hand damit sollte des Erlernen und Praktizieren einer artgerechten Hundeerziehung vom frühesten Alter an gehen. Und er muß sich verpflichtet fühlen, seinem Hund ausreichende Betätigungsmöglichkeiten für seine körperlichen und psychischen Bedürfnisse zu bieten, also vor allem mit ihm gemeinsam zu „arbeiten“. Erlebnisreiche Ausflüge, intelligente Spiele oder Hundesportarten wie Agility sind einige Beispiele.

Welche Anforderungen stellt der Vermehrer an seine Käufer?

Keine, er ist froh, jeden Welpen loszuwerden! Der Käufer sieht den Welpen und nimmt den Hund, die Kaufangelegenheit wird schnell abgewickelt.

Welche Anforderungen stellt der Züchter an den zukünftigen Besitzer seiner Welpen?

Der neue Besitzer soll sich mit der Frage >warum will ich einen Hund< und >welcher Hund passt zu mir< schon auseinandergesetzt haben. Er muß für Beratung durch den Züchter offen sein und sollte ggfs. auch die künftige Hilfe durch einen guten Hundetrainer in Betracht ziehen.
Bei der Auswahl der Rasse darf es nicht nur um das Aussehen des Hundes gehen. Vielmehr müssen die Summe seiner Charaktereigenschaften, sein rassespezifischer Verwendungszweck, Haltungsbedingungen, die zukünftige Größe, seine Lebenserwartung, Erziehbarkeit, Familientauglichkeit und Beschäftigungsaufwand bedacht und berücksichtigt werden. Da jeder Hund bestimmte rassespezifische Ansprüche stellt, geht die Frage an den neuen Besitzer, ob er die Ansprüche auch erfüllen kann. Gewissenhafte Züchter werden einem Interessenten auch sagen, dass er den Hund an ihn nicht verkaufen möchte. Denn die angeborenen individuellen Besonderheiten der einzelnen Hunderassen, die nicht zu den Erwartungen oder Fähigkeiten des jeweiligen Menschen passen, können auch vom besten Therapeuten nicht ohne weiteres geändert werden. Dann beginnt für beide – Hund und Mensch – ein langer Leidensweg, der oft im Tierheim oder ini der Euthanasie endet.

(Erschienen im Schweizer Magazin DER WINDHUNDFREUND, 1/2005)