Die Seele des Azawakhs will laufen
(Spruchweisheit der Kel Tamaschek)
Von Elisabeth Naumann
"Die Bewegung ihres Hundes mag ja funktionell sein. Aber für mich muß der Azawakh ein steppendes Gangwerk haben" (ein Richterkommentar im Ausstellungsring, Deutschland 2004). 
In der Tat sind bei Azawakhs im Bereich des Bewegungsapperats immer häufiger Unterschiedlichkeiten in bezug auf Schulterbau, Brust und Vorhand zu beachten. Der steppende Gang, oft in Anlehnung an andere Windhundrassen sogar als besonders elegant bewertet, gehört zusammen mit häufig lockeren Vorderfußgelenken zu den Symptomen einer Entfremdung vom funktionalen Typus des Azawakhs in seiner afrikanischen Heimat. Dessen artgerechte "Veredelung“ durch die bei uns vorherrschenden phänotypische Zuchtwahl muß nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden, doch wir sollten dabei die Erhaltung der natürlichen physischen und psychischen Eigenschaften der Rasse mit Vorrang im Auge behalten. Hierzu möchten die folgenden Überlegungen beitragen.
Bewegungs- und Verhaltensmuster der Sahel-Windhunde 
Gangwerk, Verhalten und Körpersprache der Azawakhs im Sahel haben sich über lange Zeiträume hinweg den dortigen Gegebenheiten und Erfordernissen funktional angepaßt. Die Hunde sind, bedingt durch die ökologischen Faktoren der Savanne, Langstreckenläufer. Typisch ist, durchaus auch während des Laufs, der erhobene und zur Seite gedrehte Kopf bei der Erkundung des Umfelds. 

Der Azawakh wird in seiner Heimat im wesentlichen als Bewacher der Herden und Lager sowie, in zweiter Linie, als Hetzhund bei der Savannenjagd eingesetzt.
Bei einem Jagdteam wird Arbeitsteilung praktiziert: Ein Hund treibt die Beute dem Rudelführer zu, indem er nicht in direkter Linie das Objekt verfolgt, sondern einen konvexen Bogen einhält. Zwischen den Hunden ist eine relativ weiter seitlicher Abstand, sie laufen in der Regel auch nicht auf gleicher Höhe, sondern parallel versetzt. Die Grundschnelligkeit ist ausdauernd hoch, wird aber den jeweiligen Gegebenheiten angepaßt unter Beibehaltung einer ausreichenden Wendigkeit, um den Richtungswechseln der Beute zu folgen und den vielen natürlichen Hindernissen des Terrains und seinem Dornenbewuchs auszuweichen.
Das Fangverhalten gegenüber einem großen Beutetier ist gekennzeichnet durch Bisse in die Hinterläufe von der Seite aus oder durch das Reißen der Kehle von unten her. Im Team greift der direkt verfolgende Hund auf die Beute zu, der andere deckt ihn mit der Breitseite ab und "sichert" die Umgebung. Bei wehrhaftem Jagdwild, etwa dem Wildschwein, vermeidet der Azawakh selbstgefährdende Angriffsweisen und setzt eher auf das Stellen oder Ermüden der Beute und das Eingreifen seines mit dem Speer ausgerüsteten Herren. 

Beim gemeinsamen Verfolgen zeigen sich die Rangpositionen im Rudel. Der rangniedrigere, in der Regel der Jüngere und schnellere Hund treibt das Jagdobjekt dem "Alpha-Rüden" zu. Zwei etwa gleichrangige Treiber innerhalb einer vertrauten Gruppe werden dabei versuchen, den anderen im Lauf zu überholen und gegebenenfalls durch Drohen die eigene Position zu halten. Treffen aber zwei fremde Azawakhs mit ungeklärter Rangstellung und gleicher Laufleistung aufeinander, kommt es spätestens an der Beute zu ernsthaftem Kräftemessen, bis der Schwächere früher oder später die Flucht ergreift. Körperliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Jagd über lange Strecken in schwierigem Gelände sind stabile Gelenke, breite Brust und großes Lungenvolumen, gut entwickelte Muskulatur und kompaktes, nicht zu großrahmiges Format. 
Die zur Jagd notwendige "Aggression", hier in Anlehnung an Pschyrembels "Klinischem Wörterbuch" als Bereitschaft zur Durchsetzung von Instinkten und angelernten Verhalten verstanden, ist ein Merkmal, das beim Azawakh recht fest verankert ist. Im Ursprungsland vererben sich meist nur die ranghöchsten Rüden und die Rangordnung wird auf aggressive Weise ausgehandelt. Der Azawakh zeigt territorial ausgerichtete Aggression und als Jagdhund Beute- und Verteidigungsaggression. Die Ranghöhe bemißt sich am Grad der Durchsetzung solcher "Aggression" im Rahmen der Sozialbeziehungen zu den Artgenossen. 

Der Azawakh im Windhundsport
Bahnrennen und Coursing mit Windhunden sind in unseren Breiten der einzig legale Ersatz für "jagdliche" Betätigung. Für alle Rassen gelten die gleichen von DWZRV, VDH oder FCI bis ins Detail entwickelten Regelwerke. Daß darin die autochthonen Verhaltensmuster einzelner Rassen untergehen können, hat Peter H. Sander jüngst am Beispiel der Barsois beschrieben. Die Situation der Azawakhs als Minderheit innerhalb des Windhundsports ist besonders prekär.
Äußeres Merkmal ist - wie etwa bei der letzten FCI-Weltmeisterschaft - die gänzliche Abwesenheit der Rasse bei Bahnwettbewerben. Für die diesjährigen Europameisterschaften waren lediglich 9 Azawakhs, ausschließlich aus deutschem Besitz, gemeldet - 4 Rüden und 3 Hündinnen traten tatsächlich an und nur 5 Hunde erreichten nach der Disqualifikation von 2 Rüden in den Vorläufen das gemischte Finale.
Warum das so ist?
Ein Grund ist die hohe Disqualifikationsrate insbesondere unter den Rüden. Viele Besitzer scheuen dieses Risiko. Derzeit haben nur neun deutsche Rüden der Geburtsjahrgänge 1996 bis 2001 Rennlizenzen (überwiegend aus den gleichen Würfen bzw. im gleichen Besitz) und im europäischen Ausland dürften es sogar weniger sein. Die geringe Zahl - zeitweise noch weiter verringert durch Startsperren - macht es zu einem Glücksfall, wenn hin und wieder die Mindestmeldequoten für Wettbewerbe um Qualifikationen und Titel erreicht werden.
Dabei ist es dann auch unvermeidlich, daß sich in der Regel die immer gleichen Konkurrenten am Start einfinden. Daß ein Azawakhbesitzer bei solchen Gelegenheiten nicht selten eine Wochenendreise bis ans entgegengesetzte Ende der Republik auf sich nehmen muß, ist dann noch die andere Seite der Medaille.
Als Beispiel: Ein im süddeutscher Raum Ansässiger hätte in der Saison 2004 etwa 12050 Kilometer für die Teilnahme an Titelrennveranstaltungen mit Azawakhbesetzung zurücklegen müssen. Bei einem steuerlichen Kostensatz von 30 Cent ergibt dies immerhin einen Betrag von 3615 Euro an reinen Fahrtkosten. Hinzu kommt noch das Meldegeld, von weiteren Ausgaben, etwa einer Hotelübernachtung, Essen und Trinken ganz zu schweigen. Und dies notwendigerweise mit durchaus offenem und häufig enttäuschendem Ergebnis.
Die Probleme auf der Rennbahn
Nach den vom DWZRV veröffentlichen Daten (Zeitraum18.04. - 01.08.2004) habe ich folgendes festgestellt: Von 16 Rennen konnten nur 2 nach Geschlechtern getrennt gezogen werden. Soweit mir die entsprechenden Daten verfügbar waren, errechnet sich zwischen den unbeanstandet ins Ziel eingelaufenen Hunden jeweils ein Abstand von mehreren Längen. Im Sinne des in Herkunftsländern beobachteten Jagdverhalten müssen diese Abstände nicht zwingend der Ausdruck unterschiedlicher physischer Leistungskraft sein, sie können unter Umständen auch instinktives Teamverhalten bei der Hetzjagd oder konfliktvermeidende Anerkennung von gewohnten bzw. erfolgreich signalisierten Rangunterschieden innerhalb eines Starterfeld darstellen.
Sollte ein Feld ganz oder überwiegend mit den besonders dominanzorientierten Rüden - zumal aus verschiedenen "Ställen" - besetzt sein, wird es mit entsprechend höherer Wahrscheinlichkeit Disqualifikationen geben. Die noch tolerierbare Individualdistanz ist bereits am Sattelplatz und im Startkasten weit unterschritten und Hunde, die nicht zur eigenen gewohnten Gruppe gehören, steigern sich schon dort gegenseitig zu hoher Beute- und Verteidigungsaggression. Um die Szene für entsprechende Auseinandersetzungen und damit für mindestens eine Disqualifikation zu bereiten, genügen oft schon zwei Rüden mit ungeklärten Rangpositionen.
(Nachtrag 2007: Das Fotoalbum beinhaltet den Finallauf Azawakh-Rüden im 6er Feld bei 9 gestarteten Rüden der diesjährigen FCI Weltmeisterschaft 2007 in Sachsenheim. Alle Bilder von Enric Mammen; )
Als Faustregel kann gelten: Der Hund, der als erster aus dem Startkasten kommt, die weiteren Meter bereits ohne Konkurrenz zurücklegt und seinen Vorsprung halten kann, wird das Rennen erfolgreich beenden und - bei genügenden Abstand zwischen den übrigen Läufern - meist auch einen "sauberen" Durchgang des gesamten Felds möglich machen.

Die oben genannten Probleme der Azawakhs auf der Rennbahn sind umso einleuchtender, wenn wir sie mit dem instinktiven Jagdverhalten in ihrer afrikanischen Heimat in Beziehung setzen:
Der Azawakh observiert bei seiner oft ausgedehnten Verfolgungsjagd das Umfeld. Er paßt seine Geschwindigkeit den jeweiligen, "strategischen" Gegebenheiten an und geht nur in entscheidenden Situationen an seine Leistungsgrenze. Das Jagdverhalten im Rudel ist gemäß der herrschenden Rangordnung ritualisiert. Die Meute akzeptiert das Führungs- und Zugriffsrecht des "Alpha-Tiers“. Kommt es zwischen zwei gleich selbstbewußten Hunden aus unterschiedlichen Rudeln zur Konkurrenz um die Führungsposition, sind Drohverhalten und Körpereinsatz die Folge dieser Regelverletzung.
Der Azawakh auf dem Coursingfeld
Der Vorteil des Coursings, oft als ideale Alternative für Azawakhs empfohlen, liegt neben der abwechslungsreicheren, aber für die Rasse meist immer noch zu anspruchlosen Trasse auch in der günstigeren Wahrscheinlichkeitsrechnung. Bei nur zwei Startern erhöhen sich die Chancen für einen disqualifikationsfreien Lauf - so kann ein schneller Hund zusammen mit einem langsamen zum Einsatz kommen oder ein Rüde und Hündin, bestenfalls treffen zwei Tiere aufeinander, die als Meutegenossen oder aufgrund von gegenseitigen Signalen ihren Rangunterschied anerkennen, sie gehen deshalb (auch dies ist durchaus Azawakh - Art) Auseinandersetzungen bei der Verfolgung aus dem Weg. Trifft die Einteilung jedoch zwei in etwa gleich dominante ähnlich beute- und verteidigungsaggressive und ebenso leistungsstarke Hunde, wird sich auch hier die auf der Rennbahn übliche Problematik wiederholen - also vor allem bei hierarchisch konkurrierenden Rüden und bei den nicht wenigen Hunden, die schon einmal aneinandergeraten sind und den "Gegner" in Zukunft stets wieder- erkennen werden.
Die Unterschiede des der Rasse eigenen Jagdverhaltens gegenüber den auf europäischen Parcours geltenden Benimmvorschriften sind handgreiflich. Einige der skizzierten Probleme ließen sich durch sachverständiges Vorgehen seitens der Ausrichter mildern: Beim Bahnrennen etwa durch gezielte Laufeinteilungen, um die Wahrscheinlichkeit von Rangordnungskonflikten zu vermindern. Beim Coursing würden sich fakultative Einzelläufe anbieten, um von Fall zu Fall das Aufeinandertreffen von voraussichtlichen Rangordnungskonkurrenten und gegenseitig bereits eingespielten Widersachern zu vermeiden. Natürlich wäre es utopisch, für die Minderheit der ursprungsnahen Windhundrassen Sondervorschriften bei Bahn- und Coursingwettbewerben zu fordern oder etwa die Bereitstellung von Geläufen, die ihrem spezifischen Jagdverhalten besser entsprechen würden. Die bestehenden Regelwerke, die Aufgaben der Renn-und Coursingfunktionäre und die Anforderung an die ausrichtenden Vereine sind weiß Gott schon kompliziert genug. In der Praxis hilfreich könnte aber das Verständnis der noch sehr präsenten Verhaltensmuster sein, mit der die Natur den Azawakh für das Leben unter Hirten und Jägern der afrikanischen Savannen ausgestattet hat. 
Denn die Seele des Azawakhs will laufen...........
Die Ausführungen stützen sich auf eigene Beobachtungen im Herkunftsgebiet sowie auf die umfangreichen Foto- und Filmdokumentationen der Association Burkinabe Idi du Sahel. Teile des Texts wurden bei einer Vorführung des ABIS-Films „>Bei den Windhunden im Azawakhtal<“ im Rahmen des Rasse-Meetings 2004 vorgetragen. Alle Abbildungen © ABIS - Archiv.
Vgl. Gabriele Schröter, Einfluß der Anatomie auf die Bewegung. In: Windhundzuchtbuch XXVI, S.101 – 118
Peter H. Sander, Das Jagd- und Coursingverhalten des Barsois. In: Unsere Windhunde, H. 8/2004, S. 83-90