Die Zwingergeschichte: 37 Jahre "of Silverdale"

Ein Rückblick von Maike Röder-Thiede

Meine Windhundbiographie beginnt vor 38 Jahren mit einer kleinen Whippethündin. Als junge Studentin brachte ich sie aus England mit. Spaßeshalber habe ich später mit der inzwischen dreijährigen Lady in München ein Training des Rennvereins besucht und die Begeisterung des Hundes war der Ausgangspunkt des künftigen Geschehens. Ein Jahr darauf erwarb ich Tira of Greyish-blue Sweeper aus einer kleinen, aber sehr reputierten Salzburger Zucht. Mit Tira haben wir (ich war damals schon mit meinem späteren Ehemann zusammen, der meine Windhundleidenschaft teilt) die schönsten Erfolge eingeheimst, darunter den damals begehrtesten Lorbeer, das UICL-Championat für Schönheit und Rennleistung. Mit der Freude an Rennen und Ausstellungen kam der Wunsch, selbst zu züchten. 1970 wurde der A-Wurf of Silverdale geboren: ein englischer Zwingername für eine englische Rasse. Im Laufe von acht Jahren habe ich fünf Whippetwürfe gezüchtet. Amulett aus dem ersten Wurf wurde u.a. UICL-Rennsiegerin und Barley of Silverdale war 1974 bis 1976 der erfolgreichste Whippet überhaupt auf den europäischen Bahnen. Die anderen Silverdale-Hunde haben internationale und deutsche Championate, VDH- und Landessiegertitel und viele Rennpreise gesammelt.

Tira`s 1. Wurf 1971                                 Tira of Greyish-blue Sweeper 1970

Internationales Rennen in Karlsbad/CSSR im Jahr 1970. Mit meinem Siegerwhippet Tira of Greyish-Blue Sweeper.

Während unserer aktiven Whippet-Zeit in den 60er und 70er Jahren besuchten wir mit den sechs eigenen Hunden eine Vielzahl von Rennen und Ausstellungen in sieben europäischen Ländern. Mein Mann engagierte sich als UICL-Schiedsrichter und von 1973 bis 1978 als Vorsitzender des WRV Bayern. Über 15 Jahre lang war ich Zuchtwart in der DWZRV-Landesgruppe.

Unsere zunehmenden beruflichen Aufgaben haben aber schließlich die Konzentration auf Schwerpunkte nahegelegt, bei denen persönliches Engagement mehr sein würde als ein noch so schönes Hobby. Der kynologische Schwerpunkt in meinem weiteren Leben sollte die Förderung der sogenannten jugoslawischen Sloughis sein - damals zählten ja die Nomadenwindhunde aus dem Sahel noch zu den Nordafrikanern. Auslösendes Ereignis war das Zusammentreffen mit Vesna Sekalec bei der UICL-Zuchtschau 1974 in Ungarn. Ihre Azawakhs erschienen uns spontan als ästhetische Verkörperung des Windhunds überhaupt, und die Vorstellung, daß diese Geschöpfe mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den letzten Überlebenden ihrer Art gehören könnten, empfanden wir als eine Verpflichtung zu eigenem Einsatz. Mit unserem Zutun übernahm dann Hermann Bürk die Hündin Bahra al Sahra (Tani) aus der Zucht von Vesna Sekalec. Tanis 1980 geborene Tochter Chadin (Chiri), Dt. Schönheits- und VDH-Champion, begründete 1983 mit dem F-Wurf die Azawakh-Geschichte des Zwingers. Zu Chiris bekanntesten Nachkommen gehörten Fatma, Dt.Schönheits- und VDH-Champion, Bundessieger 1986, und Gao of Silverdale, der erste Azawakh-Champion für Schönheit und Rennleistung.

Über die Schönheit der Rasse Azawakh läßt sich nicht streiten: Die einen sehen in ihr die Windhundästhetik schlechthin, andere mögen sie als fremdartig und unberechenbar abtun. Es ist aber nicht die Ästhetik eines Hundes, die das dauerhafte Zusammenleben mit dem Menschen bestimmt, sondern sein inneres Wesen, seine Persönlichkeit. Das ist es, was mich an Azawakhs inzwischen noch mehr fasziniert - die Differenziertheit ihrer Charaktere macht das Zusammensein mit ihnen zu einem dauernden Erlebnis. Der einzelne Azawakh ist das Produkt unterschiedlich mitgebrachter Anlagen sowie der Kenntnisse und Fähigkeiten, der Sorgfalt und Zuwendung von Seiten der Züchter und Besitzer. Ihnen muß es gelingen, auch die eigenen Wünsche dem Hund verständlich zu machen. Der Azawakh verfügt, soweit er dies durch eine jahrzehntelange Engzucht nicht schon eingebüßt hat, über ungewöhnlich viele überraschende Eigenschaften, die der Mensch durch beiderseitiges Lernen und Verstehen in dieser oder jener Richtung ausgestalten kann. Zu den Anliegen der Silverdale-Zucht gehört deshalb das intensive Bemühen, den Nachwuchs ab frühestem Welpenalter in der Familie, in der Meute, in Haus und Garten und im Kontakt mit neuen Menschen und der Umwelt an ein artgerechtes, aber mit der europäischen Zivilisation zu vereinbarendes Sozialverhalten heranzuführen.

Nützlich bei dieser Aufgabe ist die eigene, verläßliche Kenntnis von Lebensbedingungen und Verhaltensmustern der Hunde in ihren Ursprungsgesellschaften. An diesem Punkt beginnt ein weiteres Kapitel der Silverdale-Geschichte: Seit Mitte der 80er Jahre hatte mein Mann auf den vermuteten Spuren der Tuareg-Windhunde schon an mehreren Off-road-Reisen durch die Sahara- und Sahelländer teilgenommen. 1992 organisierte er auf der Grundlage dieser Erfahrungen die erste gezielte und deshalb dann auch erfolgreiche Azawakh-Expedition mit Hundefreunden aus Deutschland, Mexiko und den USA. Die Gründung der Association Burkinabe Idi du Sahel (A.B.I.S.) und bisher zwölf weitere Expeditionen in die abgelegenen Azawakh-Habitate von Burkina Faso, Mali und Niger folgten. A.B.I.S. ist inzwischen eine kleine, aber regsame Hilfsorganisation für Menschen und Hunde; sie hat unter anderem erreicht, daß durch ihre jährliche Schutzimpfung von nahezu fünfhundert Nomadenwindhunden ein ganzer Sahelbezirk mittlerweile tollwutfrei ist.

Die unmittelbare Kenntnis von Land, Leuten und Hunden hat aber nicht nur unser Verständnis des Azawakh-Charakters und damit den Umgang mit dieser Rasse vorangebracht. Mehr und mehr war es mit dem Fortschreiten der Zucht in Europa klar geworden, daß die hiesige Azawakh-Population, die aus etwa einem Dutzend Importen der 70er Jahre entstanden war, auf dieser viel zu engen Basis vom Niedergang bedroht sein würde. Vielerorts führte die zunehmende Verarmung der genetischen Bandbreite zur extremen phänotypischen Stilisierung und zu Verhaltensauffälligkeiten. Erblich bedingte Gesundheitsprobleme mußten auf längere Sicht unausweichlich sein. Ich habe mich deshalb, wenn auch schweren Herzens, von meinem ursprünglichen Idealbild einer - leider ebenfalls sehr eng gezüchteten - "jugoslawischen Linie" getrennt.

1993 hat mein Mann die Hündin Taikoussou aus Afrika mitgebracht, die 1995 mit dem I-Wurf of Silverdale unsere Vorstellungen von der schrittweisen Erweiterung des genetischen Bestands durch "outcrossing" mit Azawakhs aus der Herkunftsregion erstmals verwirklichte. 1997 und 2000 folgten die J- und K-Würfe mit Ch.We Wille Cashra, der in Mexiko geborenen Tochter von Abarut ak Tin Akouf, Import der ersten Azawakh-Expedition, Weltjugendsieger und Multichampion. In unserer Familienmeute leben inzwischen neun Azawakhs aus Afrika oder mit direkten Importabstammungen. Wohl gut ein Dutzend kleine "Afrikaner" haben in den letzten Jahren bei uns Station gemacht, bevor sie von ihren Besitzern in Europa und Übersee in Empfang genommen wurden. Die Erfahrungen machen mir Mut, diesen Weg mit den Azawakhs of Silverdale weiter zu gehen. Die neue Zuchtgemeinschaft mit Elisabeth Naumann wird dabei sehr hilfreich sein.

Aus: Unsere Windhunde, Offizielles Organ des Deutschen Windhundzucht- und Rennverbandes e.V.