Eine ganz persönliche Hommage an den Azawakh
Von Maike Röder-Thiede
Über die Schönheit des Azawakhs läßt sich nicht streiten. Die einen sehen in ihm die Verkörperung des Windhundadels schlechthin, und es gibt gewiß Leute, die ihn als fremdartig ablehnen. Natürlich gehöre ich zur ersten Gruppe... Mein ästhetisches Aha-Erlebnis in bezug auf Azawakhs hatte ich am 4. Mai 1974 in Tihany am Plattensee bei der UICL-Ausstellung in Ungarn. Dort war Vesna Sekalec mit ihrer dreijährigen Hündin Laca hellrot-sandfarben, wenig Weiß, ohne Maske, schräge, mandelförmige, dunkle Augen, mit wirklich orientalischem Gesichtsausdruck, den Blick in die Ferne gerichtet, das Gefühl und die Phantasie anregend. Dazu kam das wunderbare, raumgreifende Gangwerk, nicht im mindesten steppend oder tänzelnd, leicht schwebend und am ehesten mit einem trabenden Pferd vergleichbar. Das war der Anfang -damals hatten wir Whippets, und ich war bis dahin nicht im entferntesten auf den Gedanken gekommen, mich für eine weitere Rasse zu entscheiden. Wenn man neue Rassen kennenlernt -dazumal galt der Azawakh allerdings noch als eine fehlerhafte Variation des Sloughi- wirken sie zunächst durch das Optische und ihre Ausstrahlung. Dies war gewiß auch der Grund für unseren Entschluß, später einmal ein solches Tier zu besitzen. Es ist aber nicht die Ästhetik eines Hundes, die für das dauerhafte Zusammenleben bestimmend ist, sondern sein "inneres" Wesen, seine Persönlichkeit. Und die ist es, die mich am Azawakh inzwischen fast noch mehr fasziniert. Mein Leben mit Azawakhs begann sechs Jahre später mit Chadin el Batal, im April 1980 geboren, gezüchtet von Hermann Bürk. Wir haben ihr den Rufnamen Chiri gegeben.
Chiri hatte einen sehr selbständigen und triebhaften Charakter. Sie war gegenüber fremden Hunden meist ablehnend, manchmal auch aggressiv, eine Eigenschaft, die jedoch nie zum Tragen kam, da ich sie sehr gut lenken konnte. Ich habe mir bei ihrer Erziehung große Mühe gegeben und geduldig mit ihr gearbeitet.
Es gab eine gefühlsmäßig prägende Erfahrung, die mich für diese Hündin lebenslang begeistert hat: Wir haben Chiri oft auf den Wochenmarkt in Saló am Gardasee mitgenommen. Es war ein Markt, dichtgedrängt mit Menschen, die sich fast oder wirklich in Körperberührung zwischen den Verkaufsständen bewegten. Wir ließen Chiri an lockerer Leine vor uns herlaufen und die Leute wichen vor dem recht großen Hund zur Seite aus, so daß sich auch für uns eine Gasse öffnete. Chiri wirkte dabei sicher, aber nicht besonders glücklich, da sie uns im Schlepptau hatte und die Hindernisse mit uns gemeinsam nehmen mußte. Da Chiri Freilauf gewohnt war und in verkehrsberuhigten Straßen unter Aufsicht ohne Leine gehen durfte, kam ich auf die Idee, sie einfach auch hier von der Leine zu lassen. Jetzt lief sie entspannt und locker ein bis zwei Meter vor uns, bahnte weiterhin die Gasse und schwebte wie eine Königin durch die Menschenmenge. Wenn ein Bewunderer Miene machte, sie anzufassen, hat sie nicht geknurrt oder geschnappt, sondern den Leuten mit drohenden Grimassen einen derart ablehnenden Blick zugeworfen, daß jeder die ausgestreckte Hand ganz schnell zurückzog. Es hat ihr auch nichts ausgemacht, wenn ein Hund unter einem Marktstand hervorschoß und sie verkläffen wollte -mein leises "Laß ihn stehen" genügte. Dieses sichere Wesen und meine Vertrautheit mit dem Tier, das Sichverlassenkönnen darauf, daß eine derartige Situation ohne Gefahren für den Hund und die Umwelt möglich war, wogen letztlich schwerer als Chiri äußere Schönheit: Wichtiger war mir das Gefühl, mit dem Hund auch Außergewöhnliches meistern und genießen zu können.
Meine Hündin Diana heißt eigentlich Gumia of Silverdale, ist neun Jahre alt und Chiris Tochter. Sie ist ganz, ganz anders: sensibel bis ängstlich, manchmal fast nervös. Mit Sanftheit und Ruhe aber war sie leicht zu erziehen. Als Ergebnis ist Diana heute sehr gut lenkbar, aber ich kann mich in Belastungssituationen auf sie doch nicht so verlassen wir früher auf ihre Mutter Chiri, die mit einer größeren natürlichen Sicherheit ausgestattet war. Diana ist völlig unaggressiv gegen Menschen und Hunde. Sie ist ihr Leben lang bei fast täglichem Auslauf in wildfreien parkartigem Gelände mit vielen Hunden zusammengetroffen, an manchen Wochenenden bei einem einzigen Spaziergang wohl mit über hundert Artgenossen. Grundsätzlich lasse ich sie an jeden Hund heran -von Dogge, Schäferhund, Dobermann bis Dackel, Rüden wie Hündinnen. Wenn Diana auch nur in leichte Spannung gerät, stellt sie alle Rückenhaare, was andere Hundebesitzer manchmal eine Beißerei befürchten läßt. Diana aber regelt die Situation auf ihre Art. Sie nähert sich selbstbewußt, läßt das Begegnungsritual ablaufen und scheint dem anderen Hund zu signalisieren: "Ich bin zwar wer, aber ich will nichts". Sie hat während der ganzen neun Jahre keine einzige Auseinandersetzung gehabt, und ihr extrem feines Fell weist nicht einen Kratzer auf. Diana ist ein wirklich friedlicher und damit für mich auch ein sehr "einfacher' Hund. Das kommt nicht von ungefähr. Ich habe mir größte Mühe mit ihrer Erziehung gegeben, bin auf ihre Sensibilität eingegangen und habe mir selbst nichts durchgehen lassen, weil dieses beeindruckbare Wesen Fehler seitens des Erziehenden sehr verübelt hätte. Das daraus erwachsene innige Verständnis auf beiden Seiten bietet mir bei unserem Zusammenleben Tag für Tag neue Freude.
Afrika ist jetzt zwei Jahre alt und heißt im Zuchtbuch Taikoussou ag Intangoum, ein Import, den mein Mann 1993 im Alter von etwa sechs Wochen aus Burkina Faso mitgebracht hat. Diese hochelegante Hündin ist mir noch heute eine Quelle immer neuen Staunens. Und das ist für mich ebenfalls ein Teil jener Faszination, die vom Azawakh ausgeht. Erstaunen, weil Afrikas Wesen ungewöhnlich vielseitig ist. Sie zeigt einen unabhängigen und eigenwilligen Charakter und wenig Beflissenheit, sich unterzuordnen. Afrika lehnt sich zwar nicht auf, aber sie verspürt offenbar kein Bedürfnis, mir ihre Ergebenheit durch besonders bereitwilligen Gehorsam zu demonstrieren. Sie hat etwa zehn Personen, die ihr sehr vertraut sind, die sie liebt und die sie mehr oder weniger stürmisch je nach Zuneigungsgrad begrüßt. Seitdem sie ihrer Jugendzeit entwachsen ist, in der sie freundlich zu jedermann war, braucht sie offenbar keine neuen Menschen mehr. Auf ihrem eigenen Territorium, d.h. in Haus und Garten, ist sie gegen Fremde sogar sehr ablehnend, zeigt starkes Vertreibungsverhalten und würde im Notfall auch beißen. Hier folgt sie ihrem besonders stark angelegten Bewachungstrieb. Der gleiche Hund -und dies beeindruckt mich immer wieder aufs neue- erweist sich beim freien Auslauf in den großen Münchner Parkgebieten als der friedfertigste Azawakh gegenüber jedermann -seien es Jogger, Radfahrer, gehbehinderte Senioren, Leute mit Krücken, Skiläufer oder schlittenfahrende Kinder. Afrika ist in der Öffentlichkeit absolut sicher und geht fast mit Körperberührung durch alle Menschengruppen, als würde sie diese gar nicht zur Kenntnis nehmen. Ich akzeptiere, daß sie sich freilaufend von Fremden nicht anfassen läßt und ausweicht -mit Ausnahme meines Rüden Habou of Silverdale hat dies keiner meiner Azawakhs geschätzt. Die gleiche Neutralität und Sicherheit zeigt Afrika gegenüber anderen Hunden; sie ist nur an Laufspielen interessiert, und auch dies ist ihr jetzt nicht mehr ganz so wichtig wie noch vor einem Jahr. Der Gegensatz zwischen Bewachungsverhalten im eigenen Haus und Garten und der totalen Harmlosigkeit außerhalb dieser Grenzen ist für mich ähnlich beeindruckend wie die besonderen und gänzlich anderen Wesenszüge bei Chiri oder Diana. Es ist diese Differenziertheit der Charaktere, die das Leben mit unseren Hunden zu einem dauernden Erlebnis macht.
Ich meine deshalb, daß man die Eigenschaften des Azawakhs nicht einschichtig festschreiben und sie dann allen Rassevertretern überstülpen kann. Der individuelle Azawakh, den man sich heranzieht, ist das Produkt von unterschiedlich mitgebrachten Anlagen -z.B. für mehr oder weniger starke Sensibilität oder etwas größere oder geringere Aggressionsneigung gegen fremde Menschen oder gegen andere Hunde - und der Kenntnisse und Fähigkeiten, der Sorgfalt und Zuwendung, die der erziehende und prägende Besitzer einbringt. Ihm muß es gelingen, die eigenen Wünsche dem Hund verständlich zu machen. Insofern stimmt es schon, daß jeder den Azawakh hat, den er verdient... Ich glaube nicht, daß der Azawakh ein Hund wie jeder andere ist. In ihm verbergen sich ungewöhnlich viele überraschende Eigenschaften, die der Mensch im Dialog mit ihm in dieser oder jener Richtung ausgestalten kann. Ein Lebewesen also, das für die Kommunikation mit dem Menschen in besonderer Weise offen ist. Natürlich können und müssen Azawakhs wie andere Hunde auch durch normale Unterordnung für den Besitzer lenkbar sein. Die nächsthöhere Ebene der Partnerschaft zwischen Mensch und Hund aber ist das Abenteuer des gegenseitigen Lernens und Verstehens, das uns gerade der Azawakh anbietet. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich Azawakhs liebe.
Erschienen 1995 in der Schweizer Zeitschrift "Der Windhundfreund".